Dokumentation über misslungene Adoption : Handelsgut Kind

Die dänische Doku „Die Adoption“ behandelt ein neokoloniales Missverständnis.

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Eine Erlösung? Masho trifft ihre Adoptivmutter Henriette zum ersten Mal.
Eine Erlösung? Masho trifft ihre Adoptivmutter Henriette zum ersten Mal.Foto: SWR

Husen und Sinkenesh lieben ihre fünf Kinder. Nur unter Tränen überlassen sie die zwei jüngsten, Masho und deren kleinen Bruder Roba, auf Empfehlung der äthiopischen Adoptionsagentur Henriette und Gert, einem nicht mehr ganz jungen dänischen Ehepaar, das seinen seit Jahren gehegten Kinderwunsch endlich in Erfüllung gehen sieht. Doch die Freude der Dänen währt kurz, der Schmerz der leiblichen Eltern dagegen lange. Dänisches Heim, ein glückliches Heim?

Über vier Jahre hat die Filmemacherin Katrine W. Kjaer die Geschichte einer missglückten Adoption zweier äthiopischer Kinder und deren vitalen Widerstands, vor allem des Mädchens, gegen die aufgezwungene Verpflanzung in eine ihnen total fremdartige Welt mit der Kamera begleitet. „Hier weht ein anderer Wind“, droht die Adoptivmutter der neuen Tochter bereits im Hotelzimmer in Addis Abeba. Es hagelt Verbote, nie Angebote. Das arme Mädchen weiß am Ende nicht mehr, was es zu den fortwährenden Mahnungen und hasserfüllten Blicken der Ziehmutter sagen soll, wenn es wieder einmal „unartig“ war . Bei einer anderen Familie, die Masho mal in Pflege nimmt, herrscht mit ihr eitel Sonnenschein. Nicht alle Dänen, keine Frage, sind mit stocksteifer Lieblosigkeit geschlagen.

Woran diese Adoption scheitern muss, liegt für den Zuschauer rasch auf der Hand. Man wünschte den beiden Puppenheimbewohnern einen Psychiater. Der sitzt dann auch am Tisch, schaut nur leider in die falsche Richtung. Die Kinder hätten „da unten“ gewiss „unter schrecklichen Verhältnissen“ gelebt. Doch „da unten“ dürfen die daheimgebliebenen Geschwister im Kral ihre Freiheit auskosten, trotz Armut und Aids der Eltern, die vergeblich darauf hoffen, sie würden etwas über ihre nun dänischen Kinder erfahren, wie es vereinbart war. „Ich habe wohl eine Niete gezogen.“ Das wollte die gescheiterte Adoptivmutter Husen und Sinkenesh offenbar nicht schreiben.

Adoptionen können überall in der Welt schiefgehen, weil „die Chemie“ nicht stimmt oder es den Wahleltern an Empathie fehlt. Der größte Irrtum bei den zahlreichen Adoptionen mit oder ohne finanzielle Nachhilfe tritt ein, wenn Europäer glauben, sie könnten als Heilsbringer im „dunklen Kontinent“ auftreten, dabei aber nur ihr eigenes Glück verfolgen.

Unterstützt werden sie dabei von afrikanischen Institutionen, die von der künftigen Karriere dieser Kinder in Europa schwärmen und von mentalen Entwurzelungen nichts wissen wollen. Ein neokoloniales Missverständnis, dessen Folgen Kinder wie Eltern zu tragen haben, am meisten jedoch die Kinder, die wie ein Handelsgut hin- und hergeschoben werden. Dies zeigt der bereits auf zehn Festivals präsentierte Film mit großer Genauigkeit. Bei wem die Sympathie der Regisseurin Katrine W. Kjaer lag, bedurfte keines Kommentars.Hans-Jörg Rother

„Die Adoption“, Dienstag,

ARD, 22 Uhr 45

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