Medien : Dokumentation: Wer erschoss Egon Schulz?

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Egon Schultz war gerade 21 Jahre alt, als er in einem Fluchttunnel unter der Berliner Mauer von einer Kugel tödlich getroffen wurde. Dabei wollte er nicht flüchten - im Gegenteil: Egon Schultz war Unteroffizier der Nationalen Volksarmee und sollte an diesem 3. Oktober 1964 eine Flucht verhindern. Gemeinsam mit Kollegen stürmte er hinter zwei Fluchthelfern in den Tunnel und schoss, als er plötzlich selbst zusammenbrach. In der DDR wurde Schultz zum Helden stilisiert, ermordet von den faschistischen Gegnern aus dem Westen. Im Westen galt er als Opfer, das der Schütze ungewollt getroffen hatte.

Filmemacherin Britta Wauer, deren Dokumentation "Heldentod - Der Tunnel und die Lüge" heute Abend (20 Uhr 45, Arte) gezeigt wird, hat eine besondere Beziehung zu Egon Schultz: Die 27-jährige Ostberlinerin ging auf eine nach Egon Schultz benannte Oberschule in Berlin-Mitte und ist mit der Legende aufgewachsen. Als sie 1994 zum ersten Mal von Zweifeln an der Mordtheorie hörte, ließ sie die Geschichte nicht mehr los. Sie machte sich auf die Suche nach Unterlagen und wurde fündig: Filmmaterial über den Tunnelbau und die Flucht lagerte über 36 Jahre bei dem Fluchthelfer und Kameramann Thomas Mauch, der später unter anderem mit Werner Herzog und Klaus Kinski am Amazonas drehte. Im vergangenen Jahr wurden in der Gauck-Behörde neue Unterlagen entdeckt, darunter auch der Obduktionsbericht. Und der belegt zweifelsfrei, dass die Mordtheorie falsch ist: Egon Schultz wurde von einer Kalaschnikow getroffen, abgeschossen von den eigenen Kameraden.

Auch wenn von Anfang an das Rechercheergebnis klar ist - Britta Wauer gelingt es, der Dokumentation Spannung zu verleihen. Archivbilder und Interviews mit Zeitzeugen wie Regine Hildebrandt und Egon Bahr, lassen die politische Stimmung Mitte der 60er Jahre lebendig werden. Und die ehemaligen Fluchthelfer berichten so engagiert, dass kein Moment der Langeweile aufkommt. Wauer gelingt es vortrefflich zu zeigen, wie der Tod im Fluchttunnel in der DDR und wie er in der BRD wahrgenommen wurde.

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