Medien : Dokumentationen: Einheitsware in Luxusausführung

Hendrik Vöhringer

Man muss kein allzu scharfer Beobachter des Fernsehmarktes sein, um festzustellen, wie beliebt Dokumentationen sind. Ein Blick auf das Fernsehprogramm vom vergangenen Sonntag genügt: Im ZDF läuft Guido Knopps "History", 3 sat bringt zur Primetime eine Doku zur "Geschichte der Gerichtsmedizin", RTL 2 schickt die Real-Life-Soap "Big Brother" ins Rennen und entlarvt wenig später "Die dümmsten Verbrecher der Welt", auf Sat 1 lehrt "Die Skischule", "Abnehmen in Essen" kann man im WDR. Doku-Ware tummelt sich auf den besten Sendeplätzen der Fernsehsender. Schließlich kostet ihre Herstellung nur rund ein Viertel eines Fernsehfilms, bringt aber zum Teil die gleichen Quoten. Doch das Motto "wir können nur billig" könnte bald passé sein.

"Der Trend geht zu emotionalen, dynamischen und technisch aufwändigeren Dokumentarfilmen", sagt Patrick Hörl, Programmchef von Discovery Channel Deutschland. Es reicht nicht mehr, exotische Tiere in der Savanne abzufilmen oder komplexe wissenschaftliche Themen von renommierten, aber drögen Wissenschaftlern erklären zu lassen. Das Publikum will mehr: Wissenszuwachs bei gleichzeitiger Unterhaltung - "Edutainment" eben.

Die Technik leistet bei dieser Entwicklung einen erheblichen Beitrag. Fernsehkameras sind kleiner und beweglicher geworden, liefern aber trotzdem spektakuläre Bilder in Kinoqualität. Dreidimensionale Simulationen visualisieren komplexe Themen verständlich und spannend. Der Dokumentarfilm kriegt so einen neuen Anstrich: Technisch auf höchstem Level, optisch mit dem Kinofilm vergleichbar und dazu auch noch so dramatisch erzählt wie ein Fernsehkrimi.

Doch die aufwändigeren Produktionen verschlingen auch mehr Geld und verlangen daher internationale Allianzen. Denn nur bei weltweiter Vermarktung und langen Verwertungsketten rechnen sich die Produktionen. Discovery Channel International hat zum Beispiel in über 150 Ländern ein weltweites Netz mit Produktionspartnern geknüpft und ist inzwischen der größte Produzent im Non-Fiction-Bereich. In Deutschland läuft auf Premiere ein eigener Dokumentarkanal, beim ZDF gibt es zur Mittagszeit ein eigenes Programmfenster.

Die Welt von Discovery

Die Philosophie: Discovery-Produkte müssen überall funktionieren - in Japan wie in Deutschland. Diese Globalisierungstendenz schafft allerdings auch ästhetische und thematische Normen, die nicht jeder honoriert. "Die Welt von Discovery ist eine ganz eigene Welt", sagt Christine von Preyss von der Produktionsfirma True Stories. Der Akzent von Discovery liegt auf Tierfilmen, Wissenschaft und Technik. Politisches und Soziales unterliegt kulturellen Besonderheiten und fällt damit fast vollkommen heraus.

"Unsere Philosophie vom Dokumentarfilm ist mit der von Discovery vergleichbar", sagt Peter Arens, Leiter der Redaktion für Geschichte und Gesellschaft beim ZDF. Der Sender arbeitet seit 1998 mit Discovery zusammen und hatte im vergangenen Jahr wegen der Popularität des gemeinsam produzierten Programmblocks (Durchschnittlicher Marktanteil: 13 Prozent) die Zusammenarbeit auf die abendlichen Sendeplätze ausgeweitet. Das Geheimnis des Erfolges: "Die Discovery-Filmsprache zeichnet sich durch eine verblüffende Einfachheit im besten Sinne aus", sagt Peter Arens.

Filmsprache nach Discovery-Manier bedeutet: Klar strukturierte Filme, immer gleiche Spannungsbögen, einfache Texte, deren Inhalte häufig wiederholt werden, damit der Zuschauer auch nach den Werbepausen weiß, worum es geht, und starke Bilder. "Manchmal fühle ich mich von der Erzählweise zwar unterfordert", sagt Walter Sucher, beim SWR Leiter der Abteilung Wissenschaft und Bildung, "aber ich sehe auch deutliche Vorteile der Handschrift." Schließlich präsentiere sich Discovery als Marke. Sucher gibt aber zu bedenken: "Wir sollten uns auf unsere Stärken besinnen, damit die eigenen Programme in der Flut der Bilder unterscheidbar bleiben".

Wer als Doku-Produzent den Sprung auf den internationalen Markt schaffen will, muss Kompromisse eingehen und sich fragen: Wie sind die Rechtsvorschriften in den jeweiligen Ländern? Welche Länge muss ein Format haben? Werden Originaltöne synchronisiert oder untertitelt? "Am besten wäre es, wenn die Regisseure ihr Material bei den nationalen Produzenten abliefern würden", sagt Patrick Hörl nicht ohne Eigeninteresse - und fügt hinzu "die könnten dann eine auf den jeweiligen Markt abgestimmte Version zurecht schneiden." Dennoch prophezeit Peter Arens vom ZDF Dokus eine rosige Zukunft: Er glaubt, dass sich ihr Stellenwert gegenüber fiktionalen Formaten erhöhen wird und sie sogar einen Hauch von Glamour bekommen werden.

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