Medien : Dokus sind in – solange sie nicht zu individuell geraten

Eine Studie im Auftrag des Grimme-Instituts sagt den Untergang des Autorenfilms voraus

Thomas Gehringer

Die Zahlen können sich sehen lassen: 1481 dokumentarische Fernsehsendungen hat der Medienjournalist Fritz Wolf für seine am Dienstag in Düsseldorf vorgestellte Studie „Alles Doku – oder was?“ in einem einzigen Monat (Oktober 2002) gezählt, inklusive einer „hohen Wiederholungsrate“ allerdings. Knapp zwei Drittel der Dokus waren allein in den dritten ARD-Programmen zu sehen, von den Privatsendern spielte allenfalls Vox eine bescheidene Rolle. Immerhin ein Viertel der Dokus, hat Wolf im Auftrag des Marler Grimme-Instituts herausgefunden, wurde in der Hauptsendezeit ausgestrahlt. Und bei der Themen-Hitliste standen politische Stoffe (13,5 Prozent) auf Rang zwei, zwar weit abgeschlagen hinter den Reiseberichten (25,3), aber immerhin noch vor den Tierfilmen (11,5), was irgendwie beruhigend klingt.

Man kann dem Fernsehen also nicht vorwerfen, dass es sich für die Wirklichkeit nur noch häppchenweise in Nachrichten und Magazinen interessieren würde. Auch ist die Vielfalt der Genres, von der klassischen Dokumentation bis zur Doku-Soap, kaum mehr zu überblicken. Allerdings muss man alles in fürs Publikum wiedererkennbare Formate verpacken können, vorzugsweise in 30 oder 45 Minuten lange Portionen, zusammengefasst in Reihen, Mehrteilern oder unter einer Dachmarke wie „Spiegel TV“. Der Vorteil: „Die Redaktionen merken, dass gut gemachte Doku-Programme Primetime-fähig sind. Das haben alle kapiert“, zitiert Wolf den Regisseur und Produzenten Thomas Kufus. Der Nachteil: „Das individuelle Einzelstück wird sich immer schwerer tun. Die Figur des Autorenfilmers ist – so sieht es im Moment aus – ein Auslaufmodell“, sagt der Dokumentarfilmer und Hochschullehrer Thomas Schadt. Vor allem der lange, künstlerisch ambitionierte Dokumentarfilm gehört zu den Verlierern. 76 Filme, zur Hälfte spät abends gezeigt, hat Fritz Wolf im vergangenen Oktober gezählt. Zudem entwickeln die Redaktionen bei den Format-Dokus strenge Vorgaben. Individuelle Handschriften sind nicht mehr gefragt; das beste Beispiel sind die Mainzer Geschichts-Reihen aus der Guido- Knopp-Fabrik.

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