Doping : Bis aufs Blut

Lance Armstrong, Tour de France, Claudia Pechstein – der Sport bei ARD und ZDF hangelt sich von Verdacht zu Verdacht

Markus Ehrenberg

Tour-de-France-Start in Monaco mit dem Comeback des dopingverdächtigen Rekordsiegers Lance Armstrong (ARD), der dopingverdächtige deutsche Eisschnelllaufstar Claudia Pechstein zum Interview im „Aktuellen Sport-Studio“ (ZDF) – bei so viel illustren Dopingverdächtigkeiten hatten die großen öffentlich-rechtlichen Sportmagazine am Wochenende ihre liebe Mühe, eine halbwegs miesmacherfreie Sendung hinzubekommen. Wäre ja mal nicht schlecht, über ein Rennen oder einen Lauf zu berichten, in dem das ominöse Wort fünf Minuten lang nicht vorkommt. Radsport, Schwimmen, Leichtathletik oder auch Eisschnelllaufen, überall Doping im Spiel – die Zeiten reiner, schöner Chronistenpflicht für Sportreporter sind nicht erst sei diesem Samstag vorbei.

ZDF-Chef Nikolaus Brender schien seine Redaktionen zum Tour-de-France- Start besonders scharfgemacht zu haben. Wer sich das kurze, mit Kritikerstimmen gepflasterte Dossier zu Lance Armstrong im „heute journal“ am Samstagabend angeschaut hatte, konnte auf das spätere „Sport Studio“ in Sachen Radrennen eigentlich verzichten. Glaubhafter, ehrlicher Sport, mit Armstrong & Co.? Das Dilemma von ARD und ZDF: Sie müssen’s ja irgendwie zeigen. Brender hatte vor dem Tour-Start darauf hingewiesen, noch weitere zwei Jahre von der Tour de France zu berichten. Es gebe in dem bestehenden Vertrag mit den Veranstaltern zwar „durchaus Hebel, um vorzeitig auszusteigen. Zum Beispiel, wenn nicht ernsthaft gegen Doping vorgegangen wird, nicht richtig kontrolliert wird und Ähnliches, allerdings ist das natürlich rechtlich sehr schwierig“, sagte Brender. So fing die ARD einfach mal an. Kommentator Florian Nass spulte am Samstagnachmittag seinen 60-Minuten-Tour-Prolog herunter. Hübsche Landschaften rund um Monaco, aber mitunter hörte sich die Vorstellung der einzelnen Fahrer so an wie die Sichtung eines Vorstrafenregisters. Im Unterschied zu den Kollegen von Eurosport, die die komplette Tour täglich mehrstündig übertragen, erfuhr man bei Nass, wer wo bei wem Dopingkunde war oder gewesen sein könnte. Richtig Spaß macht das nicht. ARD und ZDF wollen weiterhin nur die letzten 30 Minuten einer Etappe live übertragen. Man darf gespannt sein, ob das auch nach den ersten Dopingfällen noch Bestand haben wird.

Dermaßen auf das Thema eingestellt, hatten es die Kollegen im „Aktuellen Sportstudio“ am Abend nicht allzu schwer, Claudia Pechstein, Deutschlands erfolgreichste Wintersportlerin, zu stellen, die nun auch des Dopings verdächtigt wird. Pechsteins Gespräch mit Michael Steinbrecher war nicht gerade eine Sternstunde des investigativen Journalismus, aber immerhin erlag der Moderator den Unschuldsbeteuerungen, der Charme-Offensive des plötzlich blond gefärbten Eisschnellaufstars nicht vollends. Darstellen, die komplizierten Doping- und Bluttestverfahren erklären, „nicht verurteilen oder vorverurteilen“, das war es, was Steinbrecher leisten wollte. Dann leitete er über zur Tour de France. Markus Ehrenberg

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