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Vergesst die „Housewives“: Die kluge US-Serie „Weeds“ ist noch abgründiger

Markus Ehrenberg

Es ist ja etwas still geworden um die „Desperate Housewives“ in jüngster Zeit. In Deutschland und auch den USA haben die Quoten der aktuellen Staffel gegenüber dem Anfangs-Hype nachgelassen, das Interesse auch. Verzweifelte Hausfrauen? Ja, gut, na und. Da kommt „Weeds“ gerade zur rechten Zeit. Als die neue Pro7-Serie im September 2005 im US-Kabelsender Showtime gestartet wurde, sorgten die Geschichten um die dealende Witwe und Zweifach-Mutter Nancy Botwin für ähnlich viel Diskussionsstoff wie seinerzeit die „Desperate Housewives“. Zu ähnlich das Inventar der beiden US-Serien, der Ausgangspunkt, schon beim Einstieg von „Weeds“: ein luftiger Popsong, leuchtend-grüner Rasen in leuchtend-grünen kalifornischen Vorgärten in friedlichen Vorstädten. „Housewives“-geschulte Zuschauer ahnen, wohin der Hase läuft: zu den Abgründen, der Vorhölle des amerikanischen Mittelstandes, der schön getünchten amerikanischen Suburbia, hier in strahlender Gestalt von Mary-Louise Parker alias Nancy Botwin.

„Weeds“ ist die zynischste Versuchung, seit es das Doppelleben-Motiv in der US-amerikanischen Fernsehserie gibt. Schizophrener, bigotter, härter, geht es kaum. Die Elternratsvorsitzende Nancy Botwin spricht in der Schule über die Gefahren zuckerhaltiger Limonade und betreibt zu Hause einen regen Handel mit Marihuana, um nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, sich und ihre beiden heranwachsenden Söhne auf der wohlhabenden Siedlungsanlage am Rande von Los Angeles durchzubringen. Auch wenn die daraus entstehenden Verwicklungen und Dialoge am Ende öfter mal auf den reinen Lacher abzielen, nicht immer so klug und sophisticated daher kommen, wie man es von der Autorin Jenji Kohan („Sex and the city“, „Gilmore Girls“) gewohnt ist – alleine schon die spitzzüngige Mary-Louise Parker lohnt das Einschalten.

Die kinoerfahrene Schauspielerin war ursprünglich für die Rolle der Susan Mayer in „Desperate Housewives“ vorgesehen, die Teri Hatcher bekam. Bei der Golden-Globe-Verleihung schnappte Parker der Hatcher den Preis für die beste Darstellerin in einer TV-Serie weg. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf. Wo die fünf mehr oder weniger verzweifelten Hausfrauen zum Abkühlen Poker spielen, den Rasen sprengen oder doch noch an die Liebe glauben, sucht Enddreißigerin Nancy Botwin im Stadtrat neue Kunden für ihren Cannabis oder Streit mit dem in der Luxus-Anlage konkurrierenden Kinderdealer.

Das sieht sich gut: die USA – ein Land von Kiffern. Ein Volk von Mittelstandsmenschen, die stolz auf ihre sicheren Vorortstraßen sind, abends gerne stoned „Passion Christi“ oder „Nomaden der Lüfte“ schauen, und sich am nächsten Sonntag „hoffentlich in der Kirche sehen“ – nie war man desillusionierter über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wie nach 30 Minuten „Weeds“. Die „Desperate Housewives“ lassen sich jede Folge fast 50 Minuten Zeit. Auf Sitcom-Länge gestaucht, entwickelt „Weeds“ eine ganz eigene narrative Ökonomie. Fitness- und Ernährungswahn, Rassismus, Homophobie, Erziehungsfragen, vieles wird angerissen, manchmal zu vieles, dann lockert die sehr gute Indie-Musik auf, subtiler Kommentar des Sinnfälligen. Dazu eine gewisse Selbstreferenzialität, die sagt: Ja, wir wissen das, wir sind eine intelligente amerikanische TV-Serie, es gab schon „Law and Order“, und wir können auch das Langweilige hübsch verpacken. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Erstaunlich, was amerikanische TV-Serien immer wieder so hergeben. Nach Morden, Bestattungswesen, neurotischen Ärzten und Detektiven nun also der Drogenkonsum im Vorort. „Weeds“ ist vielleicht nicht so klug wie „Dr. House“, „Six Feet Under“ oder „Monk“, aber immer ein Grund, Mittwochabend mal zu Hause zu bleiben.

„Weeds – Kleine Deals unter Nachbarn“, Pro7, 22 Uhr 10

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