Drama : Die Leiden des jungen Felix

Der Zweiteiler "Der kalte Himmel" erzählt von einem autistischen Jungen im Bayern der 60er Jahre.

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Marie Moosbacher (Christine Neubauer) und ihr Sohn Felix (Marc Hermann) sind den Medizinern ausgeliefert.
Marie Moosbacher (Christine Neubauer) und ihr Sohn Felix (Marc Hermann) sind den Medizinern ausgeliefert.Foto: ARD

Die Zahl Elf ist gelb für Felix, so gelb und freundlich wie die Sonne. Das erfreut den Sechsjährigen, und deshalb sucht er die Ziffer überall wiederzufinden: in Zahlenreihen, Hausnummern, Temperaturangaben. Völlig versunken sitzt er vor dem Radio und kann bald alle Wetterberichte auswendig. „Die Elf ist mein Freund“, sagt der kleine „Rechenvogel“, wie er sich selbst nennt. Felix ist Gefühlssynästhetiker. Er assoziiert abstrakte Elemente wie Zahlen, Buchstaben oder Zeiteinheiten wie Wochentage oder Monate mit bestimmten Farben und Gefühlen. Kommt ihm gerade keine Elf vor Augen, konstruiert sie Felix sich, etwa mit Kohlköpfen am Marktstand seiner Mutter, der Bäuerin Marie Moosbacher aus der bayerischen Hopfengegend Hallertau. Primzahlen wie die Elf „wollen lieber allein sein“, sagt Felix. Er will auch lieber allein sein, da ihn seine Umwelt nicht versteht. Konflikte erscheinen unausweichlich.

Der Neujahrs-Zweiteiler „Der kalte Himmel“, inszeniert von Johannes Fabrick und produziert von Ariane Krampe und Nico Hofmann, setzt Maßstäbe. Selten wurde ein kompliziertes psychisches Phänomen wie das Asperger-Syndrom – das bei dem Synästhetiker Felix als autistische Entwicklungsstörung hinzukommt – so sensibel und informativ dargestellt. „Nie erfahren wir mehr über den Zustand einer Gesellschaft, als wenn wir über Menschen erzählen, die anders sind“, ist Drehbuchautorin Andrea Stoll überzeugt. Dass das trotz mancher Klischees bei der Ausmalung des Zeitkolorits gelingt, ist den Zwillingen Eric und Marc Hermann zu verdanken. Die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten achtjährigen Brüder schlüpfen mit stupender Echtheit abwechselnd in die Rolle des Felix. Und Christine Neubauer wird mit dem bayerischen Löwenherz Maria Moosbacher so sehr eins, dass die Omnipräsente vieler ihrer Konfektionsrollen vergessen lässt.

Heute würde Felix als hochbegabt gelten, doch zu seinem Pech wächst er in den späten sechziger Jahren in der Provinz auf. Beim Versteckspiel mit den Geschwistern sieht er nicht ein, dass er weglaufen muss. Stattdessen rennt der „Rechenvogel“ am liebsten mit ausgebreiteten Armen durch die kahlen Hopfenfelder. Beim Weihnachtsgottesdienst nimmt er Münzen aus dem Klingelbeutel und lässt sie auf den Steinboden fallen, wohl weil ihm der helle Klang gefällt. Vater (Marcus Mittermeier) und Sohn müssen die Kirche verlassen, während die Mutter als Solistin des Chores brilliert. Draußen hüllt Paul Moosbacher seinen Sohn in den Mantel ein. Flüchtig drückt er ihm einen Kuss auf den Kopf. Eine anrührende Szene.

In der Silvesternacht bestellt die bigotte Großmutter (Monika Baumgartner) den Pfarrer ins Haus, um Felix den Teufel austreiben zu lassen. In letzter Minute befreit Maria den Gefesselten aus der Schockstarre. Da steht ihr Entschluss fest: Sie will Felix helfen, koste es, was es wolle. Denn sie spürt mit jeder Faser ihres Herzens, dass der Junge „kein Depp“ ist. Zu ihrer Verbündeten wird die junge Kantorin Alexandra Brunner (Natascha Paulick). Sie besaß die Chuzpe, sich als männlicher Alex Brunner beim örtlichen Pfarrer zu bewerben und reist mit einem bemalten VW-Bus an, aus dem die Stones und Jimi Hendrix erklingen. Alex wirft als erste die Frage nach den Gründen für sein Verhalten auf. Als rettender Engel bringt sie Mutter und Sohn mit dem angehenden Kinder- und Jugendpsychiater Niklas Cromer zusammen, den Tim Bergmann 180 Minuten lang bekümmert dreinblicken lässt.

Er hat allerdings auch allen Grund dazu: Psychische Entwicklungsstörungen bei Kindern waren seinerzeit so gut wie unerforscht, weshalb die Krankenkassen auch keine Therapien bezahlten. In einem Hörsaal der Münchner Psychiatrie wird Felix in aller Brutalität als schizophren abgestempelt. Erst später, im politisch aufgewühlten West-Berlin, wird Felix in einer mehrmonatigen Behandlung bei Dr. Cromer eine Chance erhalten.

„Der kalte Himmel“, ARD, 3. und 4. Januar, 20 Uhr 15

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