Drama in der ARD : Loverboys Masche

Ein ARD-Film zeigt, wie leicht Minderjährige in die Prostitution gezwungen werden können. Dabei geht das Drama an Grenzen.

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Verzweifelt. Cem (Samy Abdel Fattah) bedroht Caro (Anna Bachmann).
Verzweifelt. Cem (Samy Abdel Fattah) bedroht Caro (Anna Bachmann).Foto: WDR/Kai Schulz

Caro (Anna Bachmann) fühlt sich „voll unsichtbar“, aber Cem (Samy Abdel Fattah) sieht sie, schenkt ihr Aufmerksamkeit und ein Lächeln. „Die meisten Jungs sind doch Idioten. Wie kann man dich peinlich finden“, flötet er bei der ersten Begegnung im Schnellrestaurant. Cem ist ein hübscher Junge und beeindruckt Caro mit seinem teuren Auto, Geschenken und jeder Menge Komplimenten. Man ist geneigt, zu sagen: voll übertrieben, wie das Kennenlernen blitzartig in vermeintliche Liebe mündet und wie flott Caro dem Loverboy mit Goldkettchen verfällt. Aber das Erschrecken beim Publikum darüber, wie leicht sich Mädchen in der Pubertät verführen lassen, gehört zum dramaturgischen Ziel.

Die ARD will mit dem Fernsehfilm „Ich gehöre ihm“ und der anschließenden Dokumentation „Verliebt, verführt, verkauft“ vor einem offenbar wachsenden Phänomen warnen: Minderjährige werden mit der Loverboy-Masche in die Prostitution getrieben. Der Themenabend findet, bedenkt man den Altersdurchschnitt des Publikums im Ersten (61 Jahre), vielleicht nur bedingt die richtige Zielgruppe der Eltern und schon gar nicht die der Jugendlichen, aber im besten Sinne aufklärerisch ist dieser öffentlich-rechtliche TV-Doppelpack trotzdem. Angesprochen fühlen dürfen sich nicht zuletzt die Männer aller Altersschichten, die als Freier dafür sorgen, dass das Prostitutionsgeschäft mit Minderjährigen derart lukrativ ist.

Wie perfide die Zuhälter vorgehen und welch schlimme Folgen dies für die Teenager hat, erzählt der von Thomas Durchschlag inszenierte Fernsehfilm (Drehbuch: Angela Gilges, Ruth Olshan) konsequent und mit einer enormen, bisweilen schwer erträglichen Wucht. Cem spielt Caro die große Liebe vor und kauft angeblich eine Wohnung für das gemeinsame Glück. Das Mädchen ist überwältigt und kehrt sogar dann noch zu Cem zurück, als der sie gleich nach „dem ersten Mal“ von seinen Freunden vergewaltigen lässt.

Mit einem Video von der Vergewaltigung kann Cem sie unter Druck setzen

Danach spielt er wieder den Sanften, schenkt ihr Schmuck. Immer weiter gerät Caro in Abhängigkeit, die Eltern (Maria Simon, Bernd Michael Lade) übersehen die Warnsignale: im Bemühen, der pubertierenden Tochter mit Verständnis zu begegnen. Auch von ihrer besten Freundin Lara (Vita Tepel) kapselt sich Caro ab. Mit einem Video von der Vergewaltigung kann Cem sie unter Druck setzen, doch weil er vorgibt, sich für Caro verschuldet zu haben, erklärt sie sich „freiwillig“ dazu bereit, die ersten Freier zu empfangen.

In den meisten Fällen hätten die Loverboys ausländische Wurzeln, erfährt man in der Doku von Diana Ahrabian. Insofern ist die Darstellung auch in dieser Hinsicht zu Recht ungeschönt. Einer fremdenfeindlichen Deutung widersteht der Film einerseits durch die Figur des Lehrers, Herrn Yildirim (Billey Demirtas), und andererseits durch die klare Botschaft, dass all die Freier, die sich nun an Caro vergehen, Mittäter sind. Ohne die Grenzen zu überschreiten, die ein Film vor 22 Uhr einzuhalten hat, wird in wenigen Szenen deren Gier und Gewissenlosigkeit skizziert. Für die meisten ist Caro ohnehin nur „Ware“.

Eindrucksvoll, wie Samy Abdel Fattah den Loverboy mit den verschiedenen Gesichtern gibt. Anna Bachmann hatte mit einer Figur, deren Handlungen immer schwerer nachvollziehbar erscheinen, nicht gerade die einfachste Aufgabe bei ihrem Film-Debüt. Caros Wunsch nach Anerkennung, die emotionale Abhängigkeit, die Entfremdung von Schule und Elternhaus, die Wut, die Schuldgefühle – Respekt für diese reife Darstellung eines unreifen Teenagers. Vielleicht am erstaunlichsten: die Kraft und Würde, die Anna Bachmann als naive, zum Opfer gewordene Caro trotz all der Demütigungen bewahrt.

„Ich gehöre ihm“, Mittwoch,

ARD, 20 Uhr 15

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