Medien : „Dreckige Hetzkampagne“

Reaktionen auf Sibel Kekillis Medienschelte bei der „Bambi“-Gala in Hamburg

Ulrike Simon

Mehr als sieben Millionen ARD-Zuschauer und rund tausend geladene Gäste verfolgten am Donnerstagabend die 56. Bambi-Verleihung im Hamburger „Theater im Hafen“. Sie alle wurden live Zeuge von Sibel Kekillis Dankesrede, in der die Schauspielerin sagte: „Und denen ich nicht danke, das sind ,Bild’ und ,Kölner Express’. Hört endlich auf mit dieser dreckigen Hetzkampagne. Das, was ihr macht, nennt man Medienvergewaltigung.“ Stockend und mit Tränen kämpfend fügte die 24-Jährige hinzu: „Ich will nicht, dass ihr mich liebt. Aber respektiert endlich, dass ich ein neues Leben angefangen habe.“

Sibel Kekilli war bei der diesjährigen Berlinale, zu deren Abschluss der Film „Gegen die Wand“ den „Goldenen Bären“ erhalten hatte, wegen ihrer früheren Pornodrehs in die Schlagzeilen geraten. Mit dem „Bambi“ wurde sie nun in der Kategorie „Shooting Star“ für ihre Rolle in Fatih Akins Film ausgezeichnet. Bekannt gegeben hatte Burda dies am 1. November mit der Begründung: „Kraftvoll, eindringlich und mit dem Mut, große Gefühle zu zeigen, spielt Kekilli einen emotional zerrissenen Charakter.“ Daraufhin zeigte „Bild“ am 2. November die „Bambi“-Preisträger des Jahres 1955: Jean Marais, Maria Schell und O. W. Fischer. Darunter schrieb das Blatt: „… aber jetzt springt das Bambi zum Pornostar.“ Die Jury-Begründung nutzte das Springer- Blatt für die Bildunterschrift „Eindringliche Darstellung: In insgesamt sechs Hardcore-Streifen war Sibel Kekilli die willige ,Dilara’“. Passend dazu zeigte „Bild“ ein Foto aus einem der Pornos, in der gerade ein Mann von hinten in sie eindringt. Gegen die Veröffentlichung geht Kekilli juristisch vor, das Verfahren ist eingeleitet.

Auch der „Express“ hatte es sich nicht nehmen lassen, im Zuge der Vorabberichterstattung zur „Bambi“-Gala im Internet- Angebot eine Fotogalerie mit entsprechenden Bildern von Sibel Kekilli zu veröffentlichen. „Express“-Chefredakteur Rudolf Kreitz sagte am Freitag, er habe Verständnis dafür, dass Kekilli sich darüber geärgert habe. Dies sei „ein misslicher Ausrutscher gewesen, den wir sehr bedauern“.

Kekillis Medienschelte verfehlte ihre Wirkung nicht. Johannes B. Kerner, der die Gala im Musicalzelt moderierte, sagte am Freitag, Kekillis Auftritt habe auf ihn „sehr authentisch“ gewirkt. Werten wollte er ihn nicht. Er sagte: „Mit Danksagungen ist es wie mit Gedanken: Sie sind frei.“ Als „rührend und sehr emotional“ empfand Patricia Riekel den Auftritt der Deutsch-Türkin. Riekel ist die Chefredakteurin von „Bunte“ und gehört damit zu den Veranstaltern des Burda-Medienpreises.

Zahlreiche Vertreter aus Wirtschaft, Show, Sport und Medien kommentierten Kekillis Worte noch am Abend bei der After-Show-Party. So zollte Til Schweiger der Schauspielerin Respekt und sagte, er habe die Rede „klasse“ gefunden. Olli Dittrich sagte: „Das war ein großartiger und herausragender Auftritt. Sie hat Rückgrat gezeigt.“ Und Barbara Schöneberger gratulierte: „Sie hat das gesagt, was alle denken, und hat meine volle Solidarität.“

Heike-Melba Fendel, die mit ihrer Agentur Barbarella zahlreiche Schauspieler, unter anderen Esther Schweins betreut, sagte: „Bisher gab es ein Prinzip der strategischen Duldung: Prominente glaubten, jede Kröte schlucken zu müssen, um von weiterer negativer Berichterstattung verschont zu bleiben.“ Kekilli habe dagegen Ross und Reiter genannt. „Das ist der richtige Ansatz und hat Signalwirkung. Es führt dazu, dass Medienberater ihren Schützlingen künftig davon abraten werden, sich mit Medien einzulassen, die keine Moral kennen.“

In der Freitagsausgabe verschwieg „Bild“ den Vorfall in der ansonsten umfangreichen „Bambi“-Berichterstattung. Alice Schwarzer, die Kekilli direkt nach der Rede mit anerkennendem Händedruck gratuliert hatte, sagte dem Tagesspiegel: „Wenn ,Bild’ souverän ist, entschuldigt sie sich öffentlich bei Sibel Kekilli, die so mutig ihren Schmerz und ihre Empörung gezeigt hat über die Schmutzkampagne wegen ihrer ,Vergangenheit’. Wenn sich hier einer schämen muss, ist es nicht die junge Türkin, sondern sind es die für solche Kampagnen Verantwortlichen.“

Die „Bild“-Chefredaktion wollte sich nicht zu Kekillis Vorwürfen äußern. Auch ein Sprecher lehnte jeden Kommentar ab.

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