Dreharbeiten im Pott : Ein filmisches Denkmal fürs Ruhrgebiet

"Contergan"-Regisseur Adolf Winkelmann hat 50 Jahre seines Lebens in Dortmund verbracht. Jetzt soll er in der ehemals boomenden Kohleregion die Filmkunst beleben. Keine Frage, dass Schauspieler Peter Lohmeyer die Hauptrolle übernimmt - er ist Schalke-Fan.

Thomas Gehringer

Kein Knappe mehr auf Schalke, in Bochum kein Pulsschlag mehr aus Stahl, dafür eine große Kultur-Sause im Jahr 2010. Der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann („Contergan“) sieht es mit Skepsis: „Da wird uns wieder von oben etwas gegönnt“, spottet er über das Jahr der Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet. „Wir müssen dafür sorgen, dass es wirklich unsere Kultur ist – und nichts Importiertes.“ Der 62-jährige Winkelmann hat dazu Gelegenheit, denn vor einiger Zeit hat man ihn gefragt: „Fällt dir was zum Dortmunder U ein?“ Ihm ist etwas eingefallen.

Dreharbeiten in einem Studio des Dortmunder Technologie-Zentrums: Adolf Winkelmann schaut in einen Monitor, wo das Kamerabild einer Szene zu sehen ist, die Peter Lohmeyer und sein Schauspielkollege Rolf Dennemann spielen. Zwei Männer, die aus dem Fenster lehnen, auf ein Kissen gestützt, mit Zigaretten und Thermoskanne bewaffnet, und gelassen auf das vorbeiziehende Leben blicken. Der eine (Lohmeyer) erzählt dem anderen in aller Ruhe eine tragikomische Geschichte, in der er als Gegengewicht zu einer Badewanne voller Ziegelsteine an der Hausfassade entlang hoch und runtersauste. „Dumme Sache“, sagt der andere trocken. „So kann’s gehen“, sagt das Opfer, dessen Verletzungen bereits verheilt sind. Dann blicken sie wieder stumm auf die Straße. „Das ist persönlich mein ältestes Ruhrgebietsmotiv“, sagt Winkelmann. Bei seinem ersten Kinofilm „Die Abfahrer“ (1978) hätten sie die spontan aufgenommenen Bilder von den Menschen, die die Dreharbeiten vom Kissen am Fenster aus beobachteten, in die Handlung miteinbezogen.

Der Kurzfilm mit Lohmeyer und Dennemann besteht nur aus einer Einstellung, von einer fest installierten digitalen Kamera aus aufgenommen, deren Auflösung fünfmal höher ist als bei einer HDTV-Kamera. Denn der Film wird ab Mai 2010 in Lebensgröße auf eine riesige Wand im ehemaligen Gär- und Lagerhaus der Union-Brauerei, dem Ende der zwanziger Jahre errichteten „Dortmunder U“, projiziert. Gebraut wird hier seit 15 Jahren nicht mehr, doch die vier großen Buchstaben ragen immer noch in alle Himmelsrichtungen auf diesem Gebäude hoch über der City. Im Dezember 2008 wurde das „Dortmunder U“ sogar mit Blattgold verziert. Man macht sich fein fürs Kulturhauptstadtfest. Insgesamt 46 Millionen Euro kostet der Umbau des Industriedenkmals zu einer Kulturfabrik, die Hälfte davon trägt die Europäische Union.

Etwas davon darf auch Adolf Winkelmann verbrauchen, der das Innere mit seiner Filmkunst beleben soll und der später auch mit seinem Institut für Bewegtbildstudien hier einziehen wird. „Fliegende Bilder“, so der Titel der Installation, sollen es werden. Bilder von „meiner Heimat, meinem Ruhrgebiet – ganz subjektiv“, sagt Winkelmann, der als Experimentalfilmer in den sechziger Jahren begonnen, in seinen 70er-Jahre-Komödien „Die Abfahrer“ und „Jede Menge Kohle“ unvergessliche Ruhrgebietstypen geschaffen, mehrere Film-, Fernseh- und Grimme-Preise gewonnen und im deutschen Pavillon der Expo 2000 in Hannover filmische Porträts aller 16 Bundesländer gezeigt hat. Doch die meisten Anknüpfungspunkte ergeben sich wohl daraus, dass Winkelmann 50 Jahre seines Lebens in Dortmund verbracht hat.

Im Foyer wird er zwölf große Leinwände aufstellen lassen, auf denen dokumentarische Bilder zu sehen sein werden, aufgenommen von Kamerateams an verschiedenen Orten des Ruhrgebiets. Im Inneren fahren die Besucher über Rolltreppen an einer Riesenwand mit neun Projektionsflächen vorbei, auf jeder Etage drei. In jedem Fenster sind Kurzfilme zu sehen wie die mit Lohmeyer als Badewannen-Opfer. Filme mit erfundenen Figuren und Geschichten, die Winkelmann für ruhrgebietstypisch hält. „Das ist kein Kino“, betont er. Das Publikum solle in keinem Moment vergessen, wo es sich befinde. Keine Romantik, sondern Realismus im Vorbeirollen. Man blickt in die Wohnungen hinein, manchmal blickt man auch von innen nach außen.

Winkelmann dreht sein skurriles Ruhrgebietspanorama mit prominenten Schauspielern. Nicht alle sind wie Dietmar Bär oder Peter Lohmeyer im Ruhrgebiet aufgewachsen. Schalke-Fan Lohmeyer hat als Teenager fünf Jahre „in der verbotenen Stadt“ gelebt, weil sein Vater, ein evangelischer Pfarrer, an der Dortmunder Reinoldikirche Dienst tat. Mit Winkelmann arbeitet der 37-jährige Lohmeyer dennoch das erste Mal zusammen, wenigstens einen Tag lang. Der mit Köchin Sarah Wiener verheiratete Wahl-Hamburger kehrt immer gerne ins Ruhrgebiet zurück: „Man wird das Westfälische nicht los.“ Der Spott über Dortmund gehört dazu: „Für Schalker bedeutet das U Untergang.“

www.fliegende-bilder.de

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