Drehort Berlin : Die große Kulisse

Jede siebte TV-Produktion stammt aus Berlin. In den vergangenen zwölf Monaten wurden hier 47 Filme und Serien gedreht. Das sind fast so viele wie in München und Hamburg zusammen. Doch was macht die Metropole fürs Fernsehen so interessant?

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Foto: Teamworx
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Rüde schubst Kriminalhauptkommissar Andreas Wolff einen Erpresser über den scherbenübersäten Teppich in den Tanzsaal hinein. „Hinknien“, schreit Schauspieler Jürgen Heinrich, in der Hand eine Pistole, den Mann an. In dem verfallenen Raum sieht es aus, als wäre gerade ein Krieg zu Ende gegangen. In der Decke sechs Löcher, das Holz hängt herunter. Dann gibt Wolff einen Schuss ab. Schluss – die Szene ist im Kasten.

Die Aufnahme wurde vor wenigen Tagen für den Pilotfilm „Wolff – Zurück im Revier“ im Plänterwald in Treptow gedreht. Die Scherben und die Löcher im Tanzsaal waren schon vor dem Dreh vorhanden, nichts musste künstlich hinzugefügt werden. Selten findet man solch eine ideale Kulisse. Doch auf dem Gelände des Spreeparks gibt es mehr als den Tanzsaal: Ein rotes Riesenrad, Dinosaurierfiguren, eine Achterbahn und vieles mehr sind für Filmemacher ebenso wie früher, als der Park noch in Betrieb war, für Kinder ein Paradies. „Ich hatte diese Location schon länger im Blick, es hat bisher nur nie gepasst“, sagt Produzent Sigi Kamml über den ehemaligen Vergnügungspark. Berlin ist für ihn und andere Filmemacher eine schnelle, sich immer in Bewegung befindende Stadt. „Man kann hier alles finden. Es gibt Ecken wie in München und andere wie in Istanbul. Man findet Hochglanz ebenso wie Verrottetes“, preist Kamml den Drehort Berlin, während er neben einem Streifenwagen steht, den die Berliner Polizei vermietet hat. Die Energie, der ständige Wandel, selbst die ewigen Baustellen – diese Eigenschaften ziehen Regisseure, Schauspieler und Produzenten an.

Die Berlin-Begeisterung der Filmemacher spiegelt sich in einer Statistik von „TV Spielfilm“ wider. Der Fernseh-Zeitschrift zufolge spielten in den vergangenen zwölf Monaten 47 von 350 TV-Neuproduktionen in Berlin.Damit liegt Berlin weit vor München und Hamburg mit jeweils 29 und 25 Filmen und Serienstaffeln. Doch nicht immer sind der Dreh- und Handlungsort identisch: Die „Lindenstraße“ wird beispielsweise in Köln hergestellt, die Handlung spielt in München.

Eine andere überraschende Kulisse ist das historische Gelände der alten Tierklinik in der Hannoverschen Straße hinter dem Berliner Hauptbahnhof. Hier hat die Berliner Produktionsfirma Cinecentrum neun Jahre lang rund die Hälfte der ZDF-Krimiserie „Soko Wismar“ gedreht. Wismar? Dies zeigt: In Berlin lassen sich bekannte Serien mit Lokalkolorit produzieren. Was die Fernsehzuschauer nicht wissen: Auf dem Gelände, auf dem sich das Polizeirevier der „Soko Wismar“ befindet, hat man einen Blick auf das Gelände der Berliner Charité.

Die Cinecentrum-Produzentin Dagmar Rosenbauer schwärmt von dem schönen denkmalgeschützten Gebäude auf dem Gelände. Doch nun muss sie einen neuen Schauplatz suchen. „Das Gelände soll in einen Neubau der Humboldt-Universität integriert werden“, sagt sie. Allgemein biete Berlin sehr viele Möglichkeiten, so dass man immer neue Schauplätze finde. Auch eine Erlaubnis zum Drehen ist relativ leicht zu erhalten. „Wenn wir eine Drehgenehmigung haben wollen, bekommen wir sie“, sagt Rosenbauer. Die Zusammenarbeit mit den Behörden laufe sehr gut.

Die ZDF-Krimireihe „Flemming“ sowie die Serie „Der Kriminalist“ (auch ZDF) sind weitere Berlin-Produktionen. „Der Kriminalist“ spielt allerdings im Gegensatz zu „Soko Wismar“ bewusst in Friedrichshain-Kreuzberg. Mal dreht das Filmteam an markanten Stellen unter den Hochbaugleisen der Berliner U-Bahn, mal in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg.

Um fremde Schauplätze kostengünstig zu realisieren, eignet sich keine Stadt besser als das jahrzehntelang geteilte Berlin. Die Vielfalt der Stadtteile – die Hochhäuser in Marzahn, die bürgerlichen Ecken in Charlottenburg, die Villen am Wannsee, die russisch inspirierte Architektur rund um die Karl-Marx-Allee und der Platz der Vereinten Nationen, der frühere Leninplatz – das alles macht Berlin so reizvoll für Filmschaffende. „Der wichtigste Grund dafür, dass in Berlin so viel gedreht wird, ist die Vielfalt der Stadt. Berlin bietet ein tolles historisches Umfeld, eine unglaubliche Mischung aus Alt und Neu“, sagt Produzent Nico Hofmann, der Filme wie „Der Tunnel“ oder „Die Luftbrücke“ gedreht hat. Er ist begeistert, wie sich Berlin immer wieder neu erfindet. Einzigartige Blicke biete beispielsweise die Museumsinsel. Ein reizvoller Drehort sei auch die Dachterrasse des Soho-House mit seinem Swimmingpool. Dort, sagt der Produzent voraus, könnten in Zukunft einige US-Krimis gedreht werden. So könnte sich der Produzent dort Szenen für die CSI-Krimis mit ihren spektakulären Kulissen vorstellen.

Auch in Gotteshäusern wird gefilmt: In der Zwingli-Kirche in Friedrichshain hat die Ufa Cinema GmbH, deren Geschäftsführer Hofmann ist, einen Kinofilm mit dem Arbeitstitel „Im Jahr der Schlange“ gedreht. Der Film spielt in Moskau, im Herbst kommt er ins Kino. „Berlin zieht wie ein Magnet Talente an und ist ein Schmelztiegel aus kreativen Menschen“, sagt Hofmann und vergleicht Berlin mit dem New York der 80er Jahre. Die Wiederauferstehung von Kreuzberg und Friedrichshain sei sensationell. Kreativität, fortdauernder Wandel und die Berliner Baustellen, die nicht verschwinden – das sind die Motive, die sich durch die Aussagen der Produzenten und Schauspieler ziehen.

Rund 1420 Film- und Fernsehproduktionsfirmen zählt das für die Filmförderung zuständige Medienboard Berlin-Brandenburg in den beiden Bundesländern. Die geballte Berliner Mischung habe den Vorteil, dass man nicht so viele Schauspieler, Maskenbildner, Kameramänner und andere Mitarbeiter an den Drehort einfliegen muss – auch in der Filmbranche sitzt das Geld nicht mehr so locker, wie „Wolff“-Produzent Sigi Kamml bestätigt. Man könne es sich nicht mehr leisten, die Darsteller ohne Rücksicht auf deren Wohnort zu engagieren. Vielmehr werde darauf geachtet, dass möglichst viele Schauspieler in der Nähe des Drehorts wohnen. Denn die Budgets werden nicht größer, sondern kleiner. Und für die Akteure, die dennoch eingeflogen werden, sind in Berlin zumindest die Hotelkosten niedriger als in London oder Paris.

„Arm, aber sexy“ ist Berlin laut dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. In der Filmförderung ist Berlin jedoch gar nicht arm: Rund 28,5 Millionen Euro investierte das Medienboard im Jahr 2010, um Film- und Fernsehproduzenten in die Region zu locken. Nur die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen gab mehr Geld aus: rund 33 Millionen Euro. Bayern lag mit knapp 22 Millionen Euro auf dem dritten Platz.

Die Produzenten loben das Medienboard. Doch auch Nordrhein-Westfalen, das zu Berlin aufschließen will, gibt Gas, sagt Kamml. Dabei unterscheidet sich Berlin von Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern vor allem darin, dass an der Spree nicht nur zahlreiche Fernsehserien gedreht werden, sondern auch viele, selbst internationale Kinofilme.

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