Drehort-Fahnder : Augen auf

Locationscouts suchen Drehorte für Film und Fernsehen. In Berlin ist das einfacher als in München.

Nadine Emmerich
Viel Platz für ein Filmteam bietet das Velodrom, das Locationscout Roland Gerhardt begutachtet. In einer Ein-Zimmer-Wohnung wird’s beim Dreh dagegen eng. Foto: dapd
Viel Platz für ein Filmteam bietet das Velodrom, das Locationscout Roland Gerhardt begutachtet. In einer Ein-Zimmer-Wohnung wird’s...Foto: dapd

Roland Gerhardt geht in ganz Berlin auf die Suche. In Friedenau entdeckte er das passende Haus für die ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“, für die aktuelle Verfilmung des Bestsellers „Russendisko“ von Wladimir Kaminer stieß er auf die alte Kantine eines Sportplatzes – im Film jetzt das Hinterzimmer des Clubs „Kaffee Burger“. Für Julie Delpys Drama „Die Gräfin“ suchte er sämtliche Motive, für einen Spielfilm über Helmut Kohl fand er ein Grundstück, das als Gemüsegarten von Kohls Eltern im Jahr 1947 dienen konnte.

Gerhardt ist Locationscout und sucht passende Drehorte für Film, Fernsehen und Werbung. Für einen abendfüllenden Spielfilm fährt er 30 bis 80 mögliche Drehorte ab. In den USA sind Locationscouts seit langem fester Teil der Filmbranche, in Deutschland setzte sich der Beruf erst in den 90ern langsam durch. Anfang 2011 gründete sich der Bundesverband Locationscouts (BVL), dessen Vorsitzender Gerhardt ist. Früher hätten Szenenbildner die Drehorte ausfindig gemacht, inzwischen werde die Aufgabe auch aus Zeitgründen an Spezialisten abgegeben, sagt Gerhardt. Seine Berliner Firma Location Networx hat rund 200 Projekte pro Jahr, in der Datenbank liegen rund 9000 Locations.

Immer dabei hat ein Locationscout eine Kamera, einen Laptop, ein Smartphone. Nach Drehorten gesucht wird in der Regel in einem Umkreis von 200 Kilometern, mit dem Auto, dem Rad oder zu Fuß. Locationscouts sind Quereinsteiger, es gibt keine Ausbildung für den Job. Gerhardt kam 1991 durch eine Produktionsassistenz für eine ZDF-Serie in Hamburg erstmals mit dem Beruf in Kontakt. 1999 ging er nach Berlin, um professionell als Locationscout zu arbeiten. „Damals wurden viele gesucht und es gab wenige“, sagt er. Inzwischen ist das Angebot groß: Gerhardt schätzt die Zahl der hauptberuflichen Locationscouts in Deutschland auf rund 100, im BVL sind 35 Scouts organisiert. Der Tagessatz für einen Locationscout liegt im Spielfilmbereich im Durchschnitt bei etwa 300 Euro.

Die Arbeit der Locationscouts ist projektbezogen, die Experten werden jeweils von der Filmproduktion angefragt. Sie lesen das Drehbuch, treffen sich mit dem Szenenbildner und besprechen „in welcher Welt“ die Geschichte spielt. Dazu gehören Personen, Outfits – und „ob jemand in einem Alt- oder Neubau wohnt“, sagt Gerhardt. Der Locationscout macht dann Vorschläge, die nach dem Szenenbildner an den Regisseur gehen, bevor die Ortsbesichtigung und dann der Dreh folgt.

Für „Russendisko“ suchte Gerhardt auch eine große Wohnung mit einer Blickachse durch mehrere Zimmer. Ausgefallene Wohnungen werden ihm oft von Mietern oder Eigentümern angeboten, die ihr Zuhause für filmreif halten. Zudem ist es für die Bewohner eine lukrative Sache. Das Honorar ist frei verhandelbar, kalkulieren lässt sich aber laut Gerhardt mit einer Nettokaltmiete pro Drehtag. Allerdings würden Dreharbeiten in den eigenen vier Wänden auch „einen schweren Eingriff in die Privatsphäre“ bedeuten, denn nicht selten besteht ein Filmteam aus 30 bis 50 Mann.

Die bisher exotischste Location von Roland Gerhardt war ein riesiges Salzbergwerk bei Eisenach für „Maria Stuart“ vom ZDF-Theaterkanal – allerdings wurde der Film nie produziert. Für Werbeaufnahmen scoutete er auch Zebrastreifen und Gullydeckel. „Schwierig sind immer historische Sachen“, so seine Erfahrung. „Da muss man irgendwas finden, wo die Zeit stehen geblieben ist“ – und keine Satellitenantennen oder Windräder stören. Und dauerhafte Exklusivität ist schwierig: „Tolle Motive lassen sich in der Filmszene nicht geheim halten.“ In Berlin sei dies kein so großes Problem, da es viele Möglichkeiten gebe. In München dagegen hätten nur „wenige Villenbesitzer Lust auf Dreharbeiten“. Nadine Emmerich, dapd

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