Drehs unter Druck : Der 1-Million-Euro-Film

Die Sender müssen sparen. Wie sie es trotzdem schaffen, spannende Filme mit Stars zu produzieren.

Thomas Steiger

Ohne deutsche Filme und Serien kommen ARD, ZDF, Sat 1 und RTL nicht aus. Sie sind elementar für das Image der Sender und die Zuschauerbindung. Besonders Sat 1 hat mit seinen eigenproduzierten Filmen am Dienstag eine profitable Marke geschaffen. Doch gab der Privatsender zu seinen besten Zeiten 28 dieser Filme pro Jahr in Auftrag, sind es heute noch knapp 20. Auch für die verbleibenden Produktionen gilt weiterhin: Schauspielstars haben ihren Preis, der Dreh an verschiedenen Schauplätze kosten Zeit – der teuerste Faktor einer Filmproduktion, denn Stab und Schauspieler werden tageweise bezahlt.

„TV-Movies refinanzieren sich nicht mehr“, stellt Barbara Thielen, Leitung Fiction RTL Television, fest. „Also müssen wir darüber nachdenken, wie wir Movies anders oder günstiger herstellen können.“ Für Sat 1 gibt es auf diese Überlegung längst eine Antwort: „Wir machen keine Filme mehr unter den herkömmlichen Standardbedingungen“, erklärt Joachim Kosack, Leiter Deutsche Fiction. „Wir diskutieren bei jedem Film, was notwendig ist, um ihn wie gewünscht umzusetzen.“ Plötzlich ist es möglich, die Kosten der früher oft knapp eineinhalb Millionen Euro teuren Filme, auf eine Millionen Euro zu senken – ohne auf Stars zu verzichten und ohne dass der Zuschauer einen Unterschied zu den teurer produzierten Filmen bemerkt.

Der Spartrick funktioniert allein über die Erzählweise: Schauplätze werden zusammengelegt oder nach dem Prinzip einer täglichen Serie gebaut, um zeitraubende Umzüge und Aufbauten zu vermeiden. „Wir wollen effizient und ökonomisch erzählen“, sagt Kosack. Für die Drehbuchautoren heißt dies, von vornherein Geschichten zu konzipieren, die mit wenigen Handlungsorten auskommen.

Wenn die Beschränkungen vorab bekannt sind, funktioniert dies auch. Niemand weiß das besser als die in Potsdam-Babelsberg ansässige Grundy UFA, die sechs tägliche Serien, etwa „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ oder „Verbotene Liebe“, nach diesem Prinzip herstellt.

„Das Geld wird weniger, gleichzeitig steigen die Zuschauererwartungen an die inhaltliche und technische Qualität“, sagt Guido Reinhardt, Produzent und Creative Director der Grundy UFA. Durch ihre Soap-Produktionen bringt Grundy UFA die notwendige Technik und Erfahrung mit. So wurde bei dem Sat-1-Film „Callgirl Undercover“ mit Jeanette Biedermann, der voraussichtlich im Herbst ausgestrahlt wird, die Drehzeit von 21 auf 15 Tage verkürzt. Mithilfe einer digitalen Kinokamera wurde die Bildqualität auf die eines Kinofilms angehoben.

Allerdings eignet sich nicht jede Geschichte dafür, an wenigen Schauplätzen erzählt zu werden, und nicht jede Geschichte wird nun darauf getrimmt, dass sie mit einer Millionen Euro Herstellungskosten auskommt. Es gehe nach wie vor darum, dem Zuschauer ein attraktives Produkt zu bieten, sind sich Sendervertreter und Produzent einig. Doch werden sich durch die neuen Produktionsanforderungen zweifelsohne Erzählweisen und Sehgewohnheiten ändern.

Für Grundy UFA sind die Movies erst der Anfang. Sie plant, ihr Know-how auch für Serien im Abendprogramm und teure Eventmovies zu nutzen. Letztere dürfen dann zwischen zweieinhalb und drei Millionen Euro kosten. Ein Abenteuerfilm, der zu 80 Prozent außerhalb Deutschlands spielt, ist bereits in Vorbereitung, sagt Guido Reinhardt.

Bleibt die Frage, ob Sat 1 mit dem 1-Million-Euro-Film die Erwartungen einlösen kann. Die erste entsprechende Produktion „Klick ins Herz“ brachte im November 2009 gute Quoten und machte den Eindruck, zum Normalbudget entstanden zu sein. Nun muss sich am heutigen Dienstag der zweite 1-Million-Euro-Film beweisen, wenn es bei Sat 1 heißt: „Auch Lügen will gelernt sein“.

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