Medien : Drei für Frankfurt

Eine neue Chefredaktion soll die „FR“ aus der Finanz- und Sinnkrise führen

Joachim Huber,Barbara Nolte

Von Joachim Huber

und Barbara Nolte

Sechs Stunden haben sie am Montagabend im Rundschau-Haus an der Frankfurter Zeil zusammengesessen, die sechs Männer vom Kuratorium der Karl-Gerold-Stiftung und die Geschäftsführung der „Frankfurter Rundschau“. Als sich die Gruppe um Mitternacht auflöste, hatte die „Rundschau“ („FR“) eine neue Chefredaktion: Schon von Dienstagmorgen an sollte Wolfgang Storz, der bislang stellvertretender Chefredakteur und für die „Seite 3“ verantwortlich war, die Redaktion leiten. Stellvertreter werden der frühere CvD Jürgen Metkemeyer und der „Seite 3“-Redakteur Stephan Hebel. Drei Männer, die, wie es bei der „Rundschau“ Tradition ist, aus dem eigenen Haus kommen. Den bisherigen Chefredakteuren Hans-Helmut Kohl und Jochen Siemens wurden Korrespondentenposten angeboten. „Wir wissen noch nicht, ob sie die Posten annehmen“, sagt der Verlagsleiter Utz Grimmer.

Anstoß für den Wechsel in der Chefredaktion war ein Gutachten der Unternehmensberatung KPMG. Die „FR“-Geschäftsführung hatte sich die Unternehmensberater im August ins Haus geholt, um der schweren Krise zu trotzen, in die die „Rundschau“, wie viele deutsche Tageszeitungen, geraten war. Der Anzeigenumfang war im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent gesunken, der Umsatz von Zeitung und Druckerei von 170 auf 140 Millionen Euro eingebrochen. In ihrem Gutachten schlug die KPMG bis zum Jahresende 90 Kündigungen vor, davon 30 in der Redaktion. 2004 sollen nochmal 60 Mitarbeiter entlassen werden. „Das werden wir auch umsetzen“, sagt Grimmer. Angeblich soll auch einer der vier Geschäftsführer gehen, was Grimmer aber nicht kommentieren will.

Ein weiterer zentraler Punkt des KPMG-Papiers: Die Zeitung soll künftig anstatt zwei nur noch einen Chefredakteur haben. Dass Hans-Helmut Kohl gehen muss, galt als abgemacht. Spätestens seit er mit seinem gescheiterten Projekt einer Mittagsausgabe der „Rundschau“ Millionen Mark versenkte, war seine Position geschwächt. Lange sah es aber so aus, als wäre Jochen Siemens der Gewinner der „Verschlankung der Führungsebene“, wie die „Rundschau“ ihre Pläne bis gestern verklausulierte. Er wurde als alleiniger Chefredakteur gehandelt. Anderen Gerüchten zufolge sollte er sogar in die Geschäftsführung aufsteigen. In der vergangenen Woche soll er jedoch den bisherigen Geschäftsführer, den 77 Jahre alten Horst Engel, aufgefordert haben, aufzuhören, berichtet ein „FR“-Redakteur. Engel habe stattdessen Siemens entmachtet und das Triumvirat Storz, Metkemeyer, Hebel inthronisiert.

Wolfgang Storz hat sich seine Stellvertreter selbst ausgesucht. „Wir sind im Paket angetreten“, sagt er. Denn nur im Team sei es zu schaffen, die „Rundschau“ aus der schwierigen Situation herauszuführen. Wie genau er die „Rundschau“ inhaltlich neu ausrichten will, wollte er gestern noch nicht sagen.

In der „FR“-Redaktion, zu der er vor zwei Jahren stieß, wird Storz als entscheidungsstark und kommunikativ beschrieben. Mit einem neuen Regionalkonzept für Frankfurt und Umgebung, das sich bewährte, hat er sich für die Chefredaktion empfohlen. Seine Ko-Autoren: Metkemeyer und Hebel.

Begonnen hat Storz seine journalistische Karriere bei der „Badischen Zeitung“ in Freiburg. Dort stieg er vom Parlamentskorrespondenten in Bonn zum Politikchef auf. Und in der „Badischen“ galt Storz als einer, der der regionalen Verankerung der Zeitung großen Wert beimaß. „Die Zeitung braucht eine Heimat“, sagte er damals. Auch die „Rundschau“-Redakteure rechnen damit, dass er sich verstärkt auf das Rhein-Main-Gebiet konzentriert. Storz gilt als Linker. Er ist immer noch Miteigentümer der linken Wochenzeitung „Freitag“, der er, als sie zu Wendezeiten vorm Aus stand, eigenes Geld zuschoss. 1998 war er schon mal Chefredakteur: bei der IG-Metall-Zeitung „Metall“. Dem vormals altbackenen Gewerkschaftsblatt verpasste er eine Layout-Reform und engagierte angesehene Journalisten für Reportagen.

Seinen Reformergeist wird Storz in der nächsten Zeit brauchen. Denn die „FR“ steckt mehr als in einer finanziellen Krise, sie steckt in einer Sinnkrise. In den 70ern fast so was wie das Zentralorgan der sozial-liberalen Koalition, hat die „Rundschau“ an Gewicht verloren. Besonders mit Reformen im eigenen Haus tut sie sich schwer. Dreimal wurde ein neues Layout angekündigt, dreimal wurde es verschoben. Die größte Neuerung der Zeitung war die Erfindung des bunten Wochenend-Magazins. Ausgerechnet das, so will es das KPMG-Gutachten, soll jetzt wieder eingestellt werden.

„Darüber wird erst in 14 Tagen entschieden“, sagt Utz Grimmer. Auch steht noch nicht fest, ob künftig, wie es für die gewerkschaftsnahe „Rundschau“ in ihrer ersten Entlassungswelle selbstverständlich war, nach Sozialplan gekündigt wird. „So machen wir doch aus einer alten Zeitung eine noch ältere“, sagt ein Redakteur.

Ein großes Mitspracherecht über die Zukunft der „FR“ hat Kai Bartels. Er ist als Vertrauensmann der Banken seit einer Woche im Haus, denn der Verlag ist hoch verschuldet. Angeblich soll, um Geld zu erzielen, das Redaktionsgebäude für 48 Millionen Euro an einen holländischen Investor verkauft werden. Verlagsleiter Grimmer will das aber nicht bestätigen. Selbst dieser Deal würde der „Rundschau“ keine große finanzielle Entspannung bringen. Das Haus ist mit Hypotheken belastet.

Am 15. November startet die „FR“ einen Stellenteil gemeinsam mit der „Süddeutschen“. Über weitere Kooperationen wird nachgedacht. Dass die „FR“ bald als Regionalteil in einem überregionalen „SZ“- Mantel verschwindet – wie es als Horrorszenario schon an die Wand gemalt wurde – braucht derzeit aber keiner in Frankfurt zu fürchten: Die „SZ“ kämpft selbst mit großen Verlusten.

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