Medien : Dreißig Jahre in dreckigem Wasser

Mechthild Zschau

Ich zahle zu viel Steuern, sagt Bruno Semmeling. Geht es nicht uns allen so? Und schon sitzen wir in der Falle des Dieter Wedel. Neun Stunden sollen wir darin sitzen. Wir schauen dem Leben zu, uns selbst also, wie wir strampeln und tricksen und unsere Ruhe haben wollen. So jedenfalls will es uns scheinen, wenn wir Wedel dabei zuschauen, wie er - so nennt er seine Methode - "wahrheitsgemäß erzählt, was sich nicht ereignet hat".

Er ist also nach fast dreißig Jahren wieder auferstanden aus den Archiven des Fernsehens und der Erinnerung der Nation: Bruno Semmeling, Diplomingenieur, im Jahre 1972 verzweifelter Häuslebauer, mittlerweile beschaulicher Hausbewohner. Unübersehbar ist er älter geworden, grau und ganz still. Ein freundlicher, sanftmütiger Herr, von den Mühen des anständigen Lebens ein bisschen mitgenommen. Wieder schaut Fritz Lichtenhahn aus seinen erschrockenen Augen auf eine Welt, die Bruno nicht versteht, wieder sackt er leise verzweifelt in sich zusammen und rappelt sich wieder auf. An seiner Seite die treue Antje Hagen wie einst als Gattin Trude, die so tüchtig wie tapfer mit ihm gealtert ist.

Das verhängnisvolle Haus in Dresden

Solche Ehepaare gibt es zu Millionen - kleinbürgerlich, aber ohne Mief, liebenswert und gänzlich frei von jener Größe, die tragödientauglich macht. Und doch schlägt das Schicksal zu, in Gestalt des Finanzamtes, jenes gesichtslosen Erzfeindes, den jeder anständige Bürger ohne Gewissensnot zu betrügen versucht. Eine Abschreibungsgelegenheit mit einer Immobilie in Dresden kommt da gerade recht - nebenbei tun wir auch noch was für den Aufbau Ost. Auch wenn das mittlerweile schuldenfreie Eigenheim dafür mit Hypotheken belastet werden muss. Und schon geht die Schuldenspirale los. Im Gebälk des Häuschens beginnt sie sich zu drehen, eine Grundrenovierung ist nötig. Im richtigen Moment stirbt der Erbonkel, hinterlässt ein kleines Vermögen, alles scheint gut. Nicht aber bei Dieter Wedel, der eine kunstvolle Konstruktion bastelt, die Grube immer tiefer werden lässt, in die die Semmelings fallen müssen, schuldig und doch unschuldig, ahnungslos den Fallstricken des Finanzamtes und seiner Fahnder anheim gegeben.

Ein wenig bieder und lieb klingt das, kenntnisreich und kenntnisvermittelnd. Ein Hauch der Familienserien der 70er und 80er Jahre mit ihrem volksaufklärerischen Impetus durchweht diesen Teil des Films, dem es immerhin gelingt, einem spröden Gegenstand - Steuer - so viel Alltäglichkeit und Lebensnähe zu verpassen, dass wir tatsächlich ein bisschen klüger werden.

Zum Glück begnügt sich Wedel nicht mit diesem Handlungsstrang. Denn da ist ja auch noch Sohn Sigi (Stefan Kurt spielt ihn ebenso leise und melancholisch wie sein Filmvater), mittlerweile Lehrer und Vater von zwei Kindern. Er gerät durch einen Zufall in die Fänge der Hamburger Politik. Hier erst entfaltet Wedel wirklich sein Können, er wird satirisch, aber nie unwahrscheinlich. Ein Netz spannt er aus, in dem sich alle Beteiligten verheddern. Der alte wie der neue Bürgermeister, Senatoren, ein Wirtschaftsboss, fragwürdige Journalisten und schließlich Sigi selbst mitsamt Gattin Silke, die Heike Makatsch als ein strahlend vitales, kraftvolles Weibchen darstellt.

Ein Panoptikum der Polit-Typen marschiert auf, verkörpert von Schauspielern, die man kennt: Robert Atzorn, Heinz Hoenig, Mario Adorf, Maja Maranow, Richy Müller, Heiner Lauterbach, Dieter Pfaff, Irm Hermann, Florian Martens, Andrea Sawatzky. Wieder zeigt sich, dass Wedel ein Meister der Schauspielerführung ist: Jeder dieser bekannten Darsteller entfaltet einen neuen Charakterzug, jeder wirkt anders als gewohnt und ist doch mit voller Intensität bei sich selbst. Figuren voller Machthunger und Geltungssucht, integrem Gestaltungswillen und windiger Kompromissbereitschaft. Ja, so haben wir sie uns vorgestellt, die Politiker jeglicher Couleur. Oder noch schlimmer? Rückt Wedel nicht das Vorurteil der Politikverdrossenen ein wenig zurecht, hin zu mehr Menschlichkeit? Er lässt sie alle nicht nur waten durch einen Sumpf aus Intrigen, Korruption, Illoyalität und Lügen, sondern er macht sie auch zu Personen mit Stärken und Schwächen und ihren je eigenen Verzweiflungen. Getriebene sind sie von außen wie aus sich selbst heraus, undurchschaubaren Mechanismen preisgegeben. Balancekünstler sind sie, zwischen Professionalität und Egomanie, kaltem Funktionieren und Leidenschaft. Wedel interessiert sich dabei weniger für das Räderwerk der Politik - das auch, versteht sich - als dafür, wie Menschen auf Situationen und Sachverhalte reagieren. Wie sie sich verändern, wohin es sie treibt.

Das war schon 1972 der Fall, als der damals gerade 28-jährige Dieter Wedel seinen ersten großen Coup landete, mit der Semmeling-Familienserie "Einmal im Leben", einer turbulenten Hausbau-Geschichte, die über 60 Prozent der Deutschen vor dem Fernseher bannte. 1976 ließ er eine zweite Staffel folgen, "Alle Jahre wieder", die Story eines verunglückten Urlaubs. Schon damals ging es ihm um die realen, arglosen kleinen Leute und ihren Kampf mit den Tücken von Markt und Bürokratie - um ein möglichst realistisches Bild der Gesellschaft also. Wedel steht in der Tradition von Zola und Balzac, einer, der noch daran glaubt, dass die Gesellschaft sich abbilden lässt.

Er liebt seine Figuren. Niemals malt er Schwarz-Weiß. Nie haut er jemanden in die Pfanne. Nicht den kleinen Finanzbeamten, nicht den großen Manager, nicht die untreue Frau, nicht den aufdringlichen Macho. Auch in den gröberen Typisierungen schwingt bei Wedel Melancholie mit, die aus dem präzisen Wissen zu kommen scheint, dass alle Menschen fehlbar sind, aber auch ihre guten Seiten haben. Diese menschenfreundliche Wärme stimmt versöhnlich, weil sie alle landläufigen Urteile über unsere Welt unterläuft. Begriffe wie Spaß- oder Konsum- oder Ellenbogengesellschaft wollen plötzlich nicht mehr funktionieren angesichts dieses verwirrend komplexen Bildes einer Gegenwart, die buchstäblich zu allem fähig ist. Zu allen denkbaren Verbrechen, aber auch zu Einsicht, Verzeihen, Freundschaft. Und zum "Schwimmen gegen den Strom, auch wenn das Wasser manchmal dreckig ist", wie Wedel sagt.

Der größte Fernsehspieletat aller Zeiten

So entsteht ein Bild unserer Gesellschaft, das so übel gar nicht ist. Nur eben fehlerhaft und unvollkommen. Dieter Wedel, ein Weltverbesserer? Ja, durchaus. Warum auch nicht? Wenn er uns mit aller Suggestivkraft, die eine unterhaltsame, finten- und abwechslungsreiche Filmerzählung nur aufbringen kann, einlädt zur Identifikation mit ebenso gebrochenen Figuren, wie wir es selber sind, schafft er lächelndes Verstehen.

Seit der Geburt der Semmelings vor dreißig Jahren hat sich das Fernsehen grundlegend verändert. Dass das ZDF dennoch eine verloren geglaubte Tradition aufgreift, großzügig finanziert (mit 27 Millionen Mark immerhin, dem größten Fernsehspieletat aller Zeiten) und Wedel volle sechs Abende einräumt für eine episch aufklärerische Erzählung, die angesiedelt ist zwischen Politthriller, Kolportage und Familienserie, ist ein kleines Wunder. Solche Wunder kann wohl nur das öffentlich-rechtliche System noch zu Stande bringen. Wer weiß, wie lange.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben