Medien : "Drinnen vor der Tür": Westjournalisten waren in der DDR nicht gern gesehen

Paul Stark

Jeden Morgen holten die Chefsekretärinnen der im Berliner Verlag am Alexanderplatz ansässigen Redaktionen aus der Poststelle die "Westzeitungen" ab - in ledernen Aktentaschen, die mit einem schweren Vorhängeschloss vor "unbefugten Zugriff" gesichert waren. Wehe, wenn Westzeitungen in die falschen Hände kommen, so die Befürchtungen der Ober-Genossen in den Zeitungsstuben von "Berliner Zeitung", "Für Dich" und "NBI". Die richtigen Hände, die gehörten in jedem Fall Chefredakteuren, ihren Stellvertretern, dem Parteisekretär. Dem redaktionellen Fußvolk, fast aunahmslos treuergebene Parteisoldaten, blieb das Studium der Westpresse weitgehend erspart. Glücklich hingegen die Ehefrauen der Nomenklatura. Die freuten sich, wenn ihre Männer den Mut aufbrachten und - verbotenerweise - die bunten Zeitungen übers Wochenende mit nach Hause nahmen. Unauffällig, in Aktentaschen ohne Vorhängeschloss.

Als mit der Aushandlung des Grundlagenvertrages Egon Bahr 1972 im Auftrag der Bundesregierung sein "Nonpaper" ins Gespräch brachte, demzufolge Korrespondenten aus Ost und West in Ost und West künftig volle Freiheit der beruflichen Tätigkeit ohne Ansehen der Person gewährt werden sollte, kam der auf Abgrenzung bedachte Erich Honecker in Bedrängnis: Sollte man dem mit Tonband, Kamera und Kugelschreiber anrückenden Klassenfeind Tür und Tor öffnen? Das scheinbar unmögliche wurde trotzdem wahr: Am 3. September 1973 erhielt Dietmar Schulz von der dpa die erste Akkreditierung als ständiger Korrespondent in der DDR. Ihm folgten Kollegen von der "WAZ" und vom "Vorwärts". Welch langwieriges, politisches Hickhack diesen Akkreditierungen vorausging, erzählen ehemalige Korrespondenten in dem von Eberhard Grashoff und Rolf Muth herausgegebenen Buch "Drinnen vor der Tür".

Grashoff, von 1980 bis 1990 Pressesprecher der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin, und Muth, von 1972 bis 1990 Sektorleiter im DDR-Außenministerium, halten eine Rückschau auf diese für alle Beteiligten aufregende Zeit - auch wenn der Rückblick in mildem Licht erscheint. Denn noch ehe der erste West-Korrepondent angerückt war, hatte sich Oberkundschafter Erich Mielke Gedanken gemacht, wie man den "legalen Blasen des Feindes der DDR" die Arbeit erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen kann. So musste jedem Journalisten von vorn herein klar sein, dass all seine Schritte überwacht wurden und seine Wohnung fachmännisch verwanzt war. Jeder beabsichtigte Beitrag musste beim Außenministerium angemeldet und bestätigt werden. Und wer allzu rüde über den DDR-Muff berichtete, riskierte seine Akkreditierung. Tatbestand: Verleumdung der DDR.

Der erste, den es erwischte, war ZDF-Korrepondent Peter van Loyen, der Stefan Heym ohne Genehmigung interviewt hatte. Früher als gedacht musste auch Lothar Loewe nach Hause, der sich den saloppen Vergleich von Hasen- und Menschenjagd an der Grenze nicht verkeifen konnte. Dann erwischte es Jörg R. Mettke vom "Spiegel", dessen Büro nach einer weiteren Verschärfung der Reglementierung durch die DDR geschlossen wurde. Weniger die Zeitungen, als vielmehr ARD und ZDF schafften es mit ihren Berichten über die DDR, das auszudrücken, was viele Ostdeutsche sich öffentlich nicht zu sagen wagten. Was wiederum schwierig war: So manches Straßeninterview wurde nicht gesendet, um den Interviewten zu schützen: Bei offenherziger Kritik am DDR-Regime vor laufenden Kameras hätten Mielkes Schnüffler zugelangt.

Woran sich heute niemand mehr erinnert: Im Zuge der Akkreditierung von West-Korrespondenten gestattete Honecker seinen Untertanen unverhofft das Westfernsehen: In einem Interview mit der "Osnabrücker Zeitung", zeitgleich abgedruckt im "Neuen Deutschland", hatte er öffentlich zugegeben, selbst West-Fernsehen zu gucken. Seither durften es auch die anderen 17 Millionen DDR-Bürger. Welch ein Fortschritt: Wenige Jahre zuvor waren noch FDJ-Trupps auf den Dächern im Einsatz, um nach Westen ausgerichtete Antennen abzuknicken.

Und auch das haben Honecker und Mielke noch erlebt: ihre einstigen Partei-Journalisten arbeiten heutzutage dem einstigen Klassenfeind direkt in die Hände, sitzen an Schreibtischen im Zentrum des ehemals vemeintlichen Bösen: im Springer-Verlag, beim Tagesspiegel, beim Deutschlandfunk. Im Gegenzug haben sich Westjournalisten in Ost-Gazetten eingenistet. Auch diese Wende ist offenbar geglückt.

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