Dritte Halbzeit : Schwör’ oder stirb

Der Film "66/67 - Fairplay war gestern" handelt von Freundschaft in der Hooligan-Szene.

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Fußballfans. Florian (Fabian Hinrichs, l.) und Christian (Christian Ahlers). Foto: ZDF
Fußballfans. Florian (Fabian Hinrichs, l.) und Christian (Christian Ahlers). Foto: ZDF

Wer seinen Körper manipuliert und malträtiert, dem geht es nicht immer um Schönheit. Florian (Fabian Hinrichs) hat die Meistersaison von Eintracht Braunschweig auf seiner Brust verewigt: 66/67 prangt da gut leserlich, für immer eingebrannt. Ein besonderes Zeichen der Treue und Verbundenheit zu „seinem“ Fußballklub – und zu seinen Freunden. Florian ist so etwas wie der Anführer einer Gruppe junger Männer, die nicht nur sich selbst Schmerz zufügt.

In der Mehrzahl Mittelschichttypen, die sich ihrer Freundschaft durch Gewalt versichern. Sie attackieren gemeinsam Anhänger gegnerischer Klubs, vornehmlich aus Hannover und Wolfsburg, und verabreden sich zu Prügeleien auf Raststätten. Ein archaisches Ritual, befremdlich, brutal und zugleich auch ein bisschen kindisch. Sich von der Gruppe zu lösen, geht nicht ohne Ärger ab. Denn treu zu sein, zählt mehr als alles andere. Woher kommt ihr Bedürfnis nach dem großen Treueschwur, ihre Gewalt-, sogar Todessehnsucht? Der fürs Kino gedrehte Film „66/67 – Fairplay war gestern“ lässt manche Fragen offen. Dennoch – oder gerade deswegen – haben sich Carsten Ludwig (Buch, Regie) und Jan Christoph Glaser (Regie) eine sehenswerte Reise in die Männerwelt der Hooligan-Szene ausgedacht. Sie bedienen keine Klischees, die Dialoge sind nur manchmal plakativ, und die Optik (Kamera: Ngo The Chau) ist kühl und präzise. Die Protagonisten und ihr Verhalten bleiben befremdlich, das macht sie interessant, aber nicht immer glaubwürdig. Wieso setzt ein junger Polizist wie Henning (Maxim Mehmet) seine Karriere aufs Spiel? Was treibt Otto (stark: Christoph Bach) zum Sex mit HIV-Infizierten bei sogenannten „Ansteckungspartys“? Warum schließt sich Christian (Christian Ahlers) einer Gruppe an, deren Aktionen alle seine bis 2054 akribisch aufgestellten Lebenspläne leicht durchkreuzen könnten?

Am überzeugendsten gelingt noch die Figur des Florian, der von Fabian Hinrichs dargestellt wird, diesem langen, dürren Kerl mit Milchbubigesicht. Das ist eine großartige Besetzung, nicht nur weil Hinrichs das Hooligan-Klischee von einem nach Bier stinkenden Kleiderschrank unterläuft, sondern weil er ständig zwischen harmlos und irrsinnig zu schwanken scheint. Er traut sich nicht raus aus seinem mit Gewaltorgien aufgepeppten Unternehmersöhnchenleben, aus seinem Provinzschneckenhaus, auch nicht, als er dank Özlem (Melika Foroutan) an der Liebe schnuppert. Die große, weite Welt sieht er nur, wenn er die bunten Pillen seines Freundes Otto einwirft. Aber selbst dort, im Drogentraum, weiß Florian nicht, wie er sich entscheiden soll. Thomas Gehringer

„66/67 – Fairplay war gestern“, Arte, 22 Uhr

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