Medien : Dschungel – Beauty – Jauch

Wie RTL wieder die Nummer eins in Fernseh-Deutschland werden will

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Quizfrage: Was ist das ideale RTLProgramm? Wie wär’s damit: Zehn Spielerfrauen, die ihre Männer bei einem Casting kennen gelernt haben, machen nach einem Überlebenstraining im Dschungel, bei dem sie beinahe verschollen gewesen wären, eine Kur in der Beauty Farm, die sich eigentlich nur diejenigen leisten können, die bei Günther Jauch Millionär geworden sind; wenn sich das nicht alles sowieso in der Matrix abgespielt hat, in Ritas Scheinwelt. So sieht, in Kurzform, das Programm aus, mit dem der Privatsender RTL in den kommenden Monaten wieder Marktführer im deutschen Fernsehen werden will.

Anders ausgedrückt: Neue Serien, neue News, starke Shows und das Beste aus Hollywood, das ist die Devise, die RTL-Noch-Geschäftsführer Gerhard Zeiler bei der großen Programm-Vorstellung am Freitag in Hamburg ausgab. Hört sich gut an, aber wenn man sich die Formate genauer anschaut, stellt sich schon die Frage, ob das reicht, um wieder an der ARD vorbeizuziehen, dem aktuellen Marktführer. Zwar schrieb RTL 2003 trotz Werbekrise sehr schwarze Zahlen, doch Formate wie „Bachelor“ oder „Star Duell“ erreichten nicht mehr die hohen Quoten, wie sie der Sender in den vergangenen Jahren gewohnt war. Der Wechsel an der RTL-Spitze von Zeiler zu Marc Conrad kommt nicht aus heiterem Himmel.

Womit also Zeichen setzen? „Ganz klar“, sagt Zeiler, „mit eigenproduzierten Serien“, dem Markenzeichen des Senders. Ab Mitte September greifen Jochen Horst und – kein Scherz – Carsten Spengemann in „Beauty Queen“ zum Skalpell. Sujet und Casting setzen, wie Testzuschauer bezeugen, eine gewisse Ironiefähigkeit beim Zuschauer voraus. Vielleicht ist das ja ein neuer Trend, Ironie bei den Privaten. Das Gleiche gilt für „Ballgefühl“, eine neue Serie über Spielerfrauen, Fußballluder und Klatschreporter. Immerhin, wenn nur halb so viele Zuschauer einschalten, die Oliver-Kahn-Geschichten in der „Bild“-Zeitung lesen, dürfte die Rechnung aufgehen. Dazu bewährte Produkte in der Verlängerung: „Alarm für Cobra 11“, „Abschnitt 40“ und „Doppelter Einsatz“.

Das Erstaunliche am neuen RTL-Programm ist: Nichts, was einen wirklich staunen lässt. Ein wenig Kosmetik hier, auf Nummer sicher dort. Gut, das News-Studio wird geliftet, mit virtuellen Wänden. Dazu ein paar „TV-Movies“ der Marke „Geht immer“ – Gaby Köster als „Bullenbraut“, Mariele Millowitsch als Kommissarin, Komödien über Singles und Autorennen . Die üblichen Verdächtigen von Dirk Bach über Hella von Sinnen bis Jochen Busse kalauern sich durch den nicht tot zu kriegenden Comedy-Bereich. Wer will, kann „Ritas Welt“ und „Nikola“ einschalten oder ein bisschen Kino-Zeitgeist probieren, sprich einen Film darüber anschauen, wie komisch der DDR-Alltag war („Meine schönsten Jahre“). Die DDR lebt, jetzt auch bei RTL.

Viel Glanz strahlt dafür das beste RTL- Spielfilmprogramm seit Bestehen des Senders aus:. „Harry Potter“, „Gladiator“, „Ice Age“, „About a Boy“, „Spy Game“, „James Bond – Stirb an einem anderen Tag", „Matrix", „Herr der Ringe“ – dagegen lässt sich wenig sagen. Anders beim Format Reality-TV mit der dritten Ausgabe von „Deutschland sucht den Superstar“ und der Fortsetzung der „Dschungel-Show“. Noch mehr Masse statt Klasse? „Andere Sender würden sich doch freuen, wenn sie 26 Prozent Marktanteile hätten“, verweist Zeiler Kritiker auf den Marktanteil bei „Superstar“ Nummer zwei. Was sonst noch kommt: weitere Nostalgie-Shows mit Oliver Geißen und ganz, ganz viel Günther Jauch („Wer wird Millionär?“, eine IQ-Show und ein neues Format mit Uri Geller).

Ist das der Aufbruch bei RTL? Marktführer-Programm? Irgendwie wird man nach zwei Stunden Screening das Gefühl nicht los, dass es Zeit ist für Marc Conrad (der nicht zugegen war). Er wird offiziell zum 1. November Nachfolger von Zeiler als RTL-Geschäftsführer.

Es bleiben viele Fragen offen. Was wird aus dem kriselnden Ableger n-tv, der im September von Berlin nach Köln zieht? Was mit dem dümpelnden RTL-Vormittag? Was mit Sport-Rechten? Vor allem: mit Fußball? Formel-1-Schumi und Skispringen-Hannawald hören ja auch mal auf oder springen kürzer. RTL hat zwar die Sonntags-Spiele der Fußball-WM 2006. „Eine strategische Entscheidung“, sagt Zeiler. Aber für wann, für was? Bundesliga und Champions League laufen mittelfristig woanders.

Es werde noch an einem Reality-Show-Format gebastelt, verrät Zeiler zum Abschied. Man gebe dazu aber keine weiteren Auskünfte, weil die Konkurrenten ja sowieso immer klauen. So hätte RTL-Gründervater Helmut Thoma nie argumentiert. Es ist härter geworden für die Erfinder des deutschen Privatfernsehens, 20 Jahre nach dem Start.

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