Dschungelcamp-Auftakt : Zäher Start verspricht große Spannung

Was am Ende Fahrt aufnimmt, muss am Anfang lahm gewesen sein – das ist das Gesetz der Reality-Serie. Dementsprechend zäh war gestern der Beginn des Dschungelcamps – das gerade deshalb wieder ein Hit wird.

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Sonja Zietlows und Dirk Bachs Gagschreiber haben bestimmt eine Menge Spaß in der Kantine.Weitere Bilder anzeigen
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13.01.2012 12:07Sonja Zietlows und Dirk Bachs Gagschreiber haben bestimmt eine Menge Spaß in der Kantine.

Es gibt diesen großartigen Moment in Shows wie dem „Dschungelcamp“, in dem alles beginnt, Sinn zu haben. Wenn die funktionslosen Eckensteher rausgewählt und die Konflikte der Verbliebenen durch kluge Intervention der Reality-Regie hinreichend geschärft sind, wird das bis dahin über weite Strecken geistlose Gewese im Camp zum Kammerspiel. Dass dessen Ausgang im Groben vorgegeben ist, macht es im Grunde nur noch spannender. Einer wird am Ende bleiben, das ist dem Zuschauer so klar, dass das Wer und Warum ihn nur noch mehr fesselt.

So vorbildlich zu Ende gedacht diese Shows der schrumpfenden Gruppen und sich zuspitzenden Gruppendynamiken dramaturgisch sind, so schlecht sind sie zwangsläufig zum Anfang hin gedacht. Dass ausgerechnet dem Privatfernsehen gelingen muss, wovor noch jeder Dramatiker bisher zu Recht zurückgeschreckt ist, ist ihre größte Ironie. Konkret: Zu Anfang des ersten Aktes eine zweistellige Zahl an Protagonisten einzuführen, von denen sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen lässt, wer von ihnen eine Haupt-, wer eine Neben- und wer eine Statistenrolle spielen wird, ist eine Aufgabe, die man den Machern von Trash-TV nur bedingt zutraut.

 Jene, die hinter dem RTL-Dschungelcamp „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ stecken, lösten sie indes auch zu Beginn der sechsten Staffel am Freitagabend den Umständen entsprechend gut, und entsprechend gut war auch die Quote. 6,88 Millionen Zuschauer (2011: 7,3 Millionen) verfolgten, wie man nach und nach und in gesetztem Rhythmus die elf Teilnehmer des Camps zum Vorab-Kennenlernen auf einer Hotelterrasse in Australien erscheinen ließ, sie sodann in verschiedenen Konstellationen – in der Camp-Kleiderkammer, beim letzten Wellness- beziehungsweise Kneipenabend in Freiheit und schließlich beim Weg ins Camp selbst – erste Dramolette aufführen. 

Dass am Ende dieser Exposition tatsächlich bereits trennscharfe Profile der einzelnen Insassen standen, ist umso verblüffender, als sogar die Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow offen mit der A-Priori-Nichtbekanntheit ihrer "C-, D- oder Umlautprominenz" kokettierten. Mentalist Vincent Raven ein homophober Wüterich, der die roten Camphosen wahlweise als „Tuntenzeug“ oder „Schwuchtelfummel“ bezeichnete. Brigitte Nielsen eine überdrehte Riesin mit einem Anekdotenschatz bis hin zu Sylvester Stallones Schrumpfhoden. Rocco Stark so peinlich übermotiviert, dass man zu ahnen meint, warum sein Vater Uwe Ochsenknecht ihn talentfrei nennt. Es seien hier nur drei von elfen genannt, die allesamt mit den ersten Strichen präzise gezeichnet wurden.

 Ob die bewährte Mischung aus einem emphatischen Ja zur Niedertracht, hochkomischen Moderationen und einem sicheren Blick für die Sensation ausreicht, um auch diese Staffel des Dschungelcamps zum Erfolg zu führen, scheint trotzdem fraglich. Dabei gründet der Zweifel vor allem darin, dass die so präzise Gezeichneten in diesem Jahr eben tatsächlich noch weniger prominent sind als in den Jahren zuvor. Dass der Star tatsächlich allein die Show und es im Grunde egal ist, „wer da unten sitzt“, wie es Dirk Bach in einer Moderation am Freitag andeutete, darf gerade angesichts der ersten Bilder der neuen Besetzung bezweifelt werden. Der primitive Raven gibt gewiss einen schlechteren Querulanten ab als der herrlich unberechenbare Mathieu Carrière im Vorjahr. Und die Ex-ZDF-Fernsehgärtnerin Ramona Leiß könnte bei aller Liebe eine deutlich eindimensionalere Camp-Sozialarbeiterin werden, als es Ex-Kommunarde Rainer Langhans war.

Vielleicht zeigen derartige Befürchtungen aber auch nur eins: dass der, der sie hegt, immer noch nicht begriffen hat, wie Reality TV funktioniert. Nämlich gerade so, dass der Prozess der Zuspitzung im Detail doch ein unberechenbarer bleibt, die Unvorhersehbarkeit des Wer und Wie der entscheidenden Konflikte der Schlüssel zum Reiz der Sendung ist. Nicht zuletzt dadurch steckt – wenn auch verborgen – bereits im zähen Start jene Spannung, die den sich zum Schluss hin zwangsläufig verbessernden Plot wohl auch diesmal tragen wird. Bis dann am Ende wieder einer übrig bleibt. Wer das sein wird? Wirklich keine Ahnung. 

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