Dschungelcamp : Die Robertoblancoisierung der Gesellschaft

Die Blöden gewinnen in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr an Raum. Woher rührt die Robertoblancoisierung der Gesellschaft, fragt sich Michael Jürgs. Gibt es immer mehr Blöde? Oder sind die, die es gibt, einfach besser vernetzt?

Michael Jürgs
Elf ziehen ein ins vierte RTL-Dschungelcamp, einer sticht besonders heraus:Weitere Bilder anzeigen
Foto: RTL/Gregorowius
13.01.2011 14:30Elf ziehen ein ins vierte RTL-Dschungelcamp, einer sticht besonders heraus:

Die ersten Castingshows der Geschichte fanden in Rom statt und Wettbewerbe dieser Art waren schon damals des Volkes wahrer Himmel. Das Votum des obersten Jurors allerdings bedeutete nicht wie heute nur Abgang von der Bühne oder Vertreibung aus dem Dschungel, sondern tatsächlich Abschied zu nehmen, und zwar vom Leben. Sobald der Jurypräsident, Caesar zum Beispiel, den Daumen senkte, wurde in der Arena öffentlich gestorben.

Heute ist Rom in den kleinsten Hütten. Sofern diese verkabelt sind. Über das »Dschungelcamp« herzufallen, ist langweilig. Die Show erfüllte - und erfüllt wieder mal - ihren Zweck, die Blöden für Wochen von den Straßen fernzuhalten und diese dadurch sicherer zu machen. Es fielen anschließend für eine gewisse Zeit, solange das Honorar von RTL reichte, arbeitslose C-Prominente nicht mehr dem Sozialstaat zur Last. Das freute den spätrömischen Dekadenzexperten Guido Westerwelle, der nachhaltige Erfahrungen für die in politischen Kreisen auch Wahlen genannten Castingshows einst im Container bei »Big Brother« gewann. Wer da bis zum Ende durchhielt, lernte was fürs Leben, hygienisch statt sozialhygienisch gesehen und wird in Zukunft vielleicht mehr als nur einmal pro Woche duschen. Selbst für früh Aussortierte ließ sich noch ein Auftritt in einer drittklassigen Talkshow bei Frau Bärbel, Frau Birgit, Frau Britt arrangieren.

Sich außerhalb von Bedürfnis-Anstalten zu retten in rhetorische Fragen, die nach vorgetäuschtem Tiefgang klingen, Fachausdruck dafür: VGT, ist zu billig. Beispielsweise: Ist Volksverdummung nicht immer schon ein Herrschaft erhaltendes Prinzip der Mächtigen gewesen? Fällt die allgemeine Verblödung nur deshalb so auf, weil die Blöden zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit über eigene Sender verfügen? Wie viel Dummheit verträgt eine Gesellschaft, ohne dass die demokratische Kultur stirbt? Verblödung ist kein neues Phänomen. Man könnte tatsächlich recht haben mit der Vermutung, dass es damals in der Gesellschaft kaum weniger Blöde gab als heute. Die fielen nicht weiter auf. Jedes Dorf hatte seine eigenen Trottel. Die vom Nachbardorf lernte man nie kennen. Eine Massenbewegung, vernetzt durch eigens für sie produzierte Zeitungen, Zeitschriften und TV-Programme, sind die als Individuen unauffälligen und ungefährlichen Seichtmatrosen erst seit dem Start des privaten Fernsehens, der Stunde Null im Jahre 1984. Bis dahin
hatten die Blöden keinen Überblick darüber, wie viele sie waren. Sie ließen allenfalls im engsten Freundes- und Familienkreis die ihnen vertraute Sau raus. Erst an dem Tag, an dem sie eine für die Werbung relevante Zielgruppe wurden, begann ihr Aufstieg. Castingshows versprechen Aufmerksamkeit und Anerkennung auch denen, die im privaten Umfeld keine Anerkennung erhalten. Sie sind sinnbildlich für eine Gesellschaft, die gespalten ist zwischen arm und reich, zwischen wissend und unwissend, zwischen hoffnungsfroh und hoffnungslos. In der Unterschicht — was im übrigen nichts zu tun hat mit Genen, Religion, Kultur, Abstammung, weil die unter Deutschen und Sarrazinfans ebenso sumpfblüht wie unter Türken, Arabern, Muslimen, Katholiken, Atheisten, Ostlern, Westlern — sind Castingshows reizvoller als demokratische Wahlen.
Ich bin ein Depp, lasst mich hier rein könnte als Motto stehen über allen Shows dieser Art. Dass jederzeit als Vollidiot wieder rausfliegen kann, wer als normaler Idiot rein kam, dass sich öffentlich knechten lassen muss, wer unbedingt König werden will, ist der USP, die Unique Selling Proposition jeder Castingshow. Ob es ein Container ist, in dem sich jugendliches Prekariat wohl fühlt, weil da alles aussieht und nach ein paar Tagen so riecht wie zu Hause. Egal, ob allein erziehende Mütter mit ihren verschiedenen Kindern von verschiedenen abwesenden Vätern gemeinsam mit den Scouts von RTL nach einem neuen Ernährer suchen. Egal, ob ein echter Gerichtsvollzieher klingelt, klopft, kassiert, was der SAT.1-Klientel bekannt vorkommen dürfte aus ihrem häuslichen Alltag. Egal, ob man auswandern, rückwandern, ausreißen oder nur mitten im Leben stehen muss, sich für eine Woche bei einer fremden Familie einquartieren lässt oder den Traum vom eigenen Restaurant beerdigt: Geht nicht, gibt’s nicht. Bei solchen Sendeformaten geht alles. Unter die Haut. Unter die Gürtellinie. Unter aller Sau. Wer mitmacht, muss nicht zu Besonderem, aber zu allem bereit sein.
Eine bestimmte Moderatorin darf nicht nur in einer ihrer Shows einen Bauern von der ihm nahen Ziege wegzerren und mit einer läufigen Ex-Friseuse paaren, was dann bis zu acht Millionen Zuschauer anschauen, sondern auch dem Landadligen, bei dessen Anblick Frankensteins Töchter ins nächste Kloster flüchten würden, eine standesgemäße Braut vor seine Flinte treiben. Am Beispiel unzähliger und oft ungenießbarer Kochshows ist beweisbar, dass mit nur einer geglückten Zeugung — in dem Fall war Alfred Biolek Vater aller Töpfe — Dutzende von halbgar gekochten Bastarden in die Welt gesetzt werden können, TV-Surrogate wie Küchenschlachten, Restauranttester, Der Traum vom eigenen Restaurant, Fast Food Duell, Einsatz am Herd, Kochprofis, Kochen mit Kerner und Co., Perfektes Dinner, Promi-Dinner, wo am Ende warmes Essen ausgeteilt wird an alle, die außer ihrer Verwandtschaft niemand kennt, geschweige denn jemand einladen würde.

Vermessen wäre es, in eitler Arroganz der Besserwisser anzunehmen, dass nur IQ-Prekariat und ALG-2-Empfänger zum Publikum der Casting-Shows a la Dschungelcamp gehören. Erstens weiß das niemand, weil ALG-II-Empfänger ja nicht mal im Sommer an ihrem Outfit erkennbar wären. Wer Sandalen mit Kniestrümpfen zu kurzen Hosen trägt, könnte ebenso gut Holländer sein oder Schweizer oder eine ledige Beamtin der Bundesarbeitsagentur mit Pensionsberechtigung. Gegen Lebenshilfen in Dummyformaten, präsentiert von Lehrbeauftragten ohne Ausbildung, haben die tatsächlichen Lehrer auf der untersten Sprosse der Bildungsleiter, in den Grundschulen der Nation, keine Chance. Sie können ihre Botschaften schließlich nicht singend, tanzend oder barbusig verkünden, sich als Germanys Top Model oder kommender Superstar oder Dschungelkönig verkleiden, damit ihnen die Kleinen auch lauschen, weil sie solche Anreize und Formate gewohnt sind aus den Sendern ihrer Wahl.
Die bringen ihnen ihre besten Freunde frei Haus. Nach deren Verhalten richten sie ihr eigenes Verhalten. Was die supergeil finden, halten auch sie für supergeil. In einer Untersuchung, repräsentativ für sechs Millionen deutscher Schulkinder zwischen sechs und dreizehn
Jahren, hat der Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest zuletzt vor zwei Jahren festgestellt, dass »Fernsehen die wichtigste Rolle« spielt im Alltag der befragten jungen Deutschen. Diese erste große Liebe schlägt sich nieder in der Verweildauer vor dem Fernsehapparat, durchschnittlich 91 Minuten pro Tag, Lesen steht mit 23 Minuten abgeschlagen hinter Computerbenutzung und Radio hören auf Platz vier und diese frühe Liebe prägt ihr Leben. Da inzwischen quer durch alle Schichten fast die Hälfte aller Kinder ein eigenes Fernsehgerät besitzt, pflegen sie diese Bindungen meist ohne den sie dabei störenden Einfluss ihrer Eltern. Sie lassen sich lieber von ihren Lieblingen erziehen als von den lieben Eltern oder gar den ungeliebten Lehrern.
Die Kinder des Prekariats spielen sich deshalb in der Schule so auf, wie es ihnen im Fernsehen vorgesetzt wurde. Gier, Schadenfreude, Ruhmsucht, Gewalt sind ihre ständigen Begleiter. Was die Typen nicht können, die in der ersten Runde einer Castingshow rausfliegen, das kann ich zwar auch nicht — singen, tanzen —, aber wenn die trotzdem im Fernsehen gezeigt werden, kann ich kleiner Depp es auch mal versuchen. So genannte Oberschichtler nehmen für die besseren Schulen des Lebens nicht die nächstbeste, sondern die beste, egal, wie weit entfernt die von ihrer Wohnung sein mag. Falls ihnen selbst die beste nicht genug ist, melden sie ihre Kinder auf Privatschulen an, die mit inzwischen fast 700 000 Zöglingen, einen ähnlichen Boom erleben wie Billigmärkte, wo sich die Unterschicht trifft. Letzteres nicht etwa, weil es dort so schön ist, sondern weil deren günstige Angebote für sie nicht nur Lebens-, sondern Überlebensmittel sind. Vorübergehend erlebte Marktführer Lidl einen Extra-Boom, weil seine Stammkundschaft darauf hoffte, bei ihren Einkäufen für Castingshwos entdeckt zu werden. Als die von Überwachungskameras aufgezeichneten Alltagsszenen gelöscht werden mussten, es also nichts mehr werden konnte mit einer Karriere bei Super RTL, gingen sie wieder zu Aldi.
Würde es ein quotenmäßig relevantes Potential an Pöbel geben, dem Manieren beizubringen sich lohnen könnte, weil sie eine von RTL oder SAT. 1 oder ProSieben erfüllbare bisher noch verborgene Sehnsucht haben nach anständigen Umgangsformen oder auch nur, weil sie wissen wollen, ob sie Pizzas und Döner mit Messer und Gabel essen und Bier auch aus Gläsern statt aus Dosen trinken können, bei welchen Anlässen sie Krawatte tragen sollen zum Trainingsanzug und wann ein Kerl von Welt der Tussi seines Herzens die Tür nicht ins Kreuz fallen lässt sondern sie vor ihr öffnet — längst hätten die fest angestellten Blödmacher der Sender ein passendes Format mit zehn, zwölf ausgesuchten Rüpelinnen und Rüpeln gestartet statt die wie bisher unbearbeitet toben zu lassen im Big Brother Container. Titel hätte lauten können »Volle Kante«.
Von denen, die sich heute als gesellschaftlich relevant empfinden, wären früher die meisten zu besseren Gesellschaften nicht eingeladen worden. Nicht nur, weil die in anerzogener arroganter Überheblichkeit als unterschichtige Proleten betrachtet und dementsprechend behandelt wurden, sondern vorgeblich aus reiner Nächstenliebe. Man gab vor, sie vor demütigenden Erlebnissen zu schützen, denn sie gehörten nun mal nicht in diese Spielklasse und kannten deshalb auch die dort geltenden Gesetze nicht. Mittlerweile haben die Außenseiter der Gesellschaft, erst sachte, sachte, Schritt für Schritt sich vorwagend auf die nächste Stufe, die ihnen als Spielplätze zugewiesenen Hintertreppen verlassen, überall im Land, nicht nur in Berlin, und die Freitreppen betreten. Anfangs fremdelten sie noch auf dem ihnen fremden Terrain. Sobald sie merkten, dass sie unter den angeblich oberen Zehntausend gar nicht weiter auffielen, dass sie den jeweils Ton angebenden Angebern im Auftreten und Verhalten ganz ähnlich waren und umgekehrt die ihnen, beschlossen sie zu bleiben.
Viele haben seitdem festen Boden unter ihren Füßen. Wer gemein wäre, würde es mit einem übergeordneten Begriff eine Art von Robertoblancoisierung der deutschen Gesellschaft nennen, was aber nichts mit dem üblen alltäglichen deutschen Rassismus zu tun hat. Roberto Blanco steht prototypisch (oder archetypisch) für alles, was peinlich ist und sich peinlich benimmt. Selbst dagegen wäre nichts zu sagen, wenn sich die Peinlichen nur dann peinlich benehmen, sobald sie unter sich sind. Dann wäre ja, logisch nichts peinlich. Aber sie breiten sich aus.
Helfen am Ende Bücher gegen Blöde? Hilft die tägliche Ausstrahlung einer Rettungsinsel namens 3sat KULTURZEIT  im Meer der Blöden? Was die durch ihre Bücher unsterblich bleibende Susan Sontag tragbare kleine Gedanken nennt, die ins Reisegepäck passen, wurde von Diktaturen zensiert, verboten, vernichtet – und am liebsten alle, die sie erschaffen hatten, gleich mit. Entweder brannten sie auf den Scheiterhaufen einer gottesfürchtigen fürchterlichen Religion, die als Mutter Kirche ihre Kinder vor allzu freien Gedanken zu schützen vorgab, oder sie wurden in Konzentrationslagern und Gulags zu Tode gequält. Vor Büchern mussten und müssen noch alle Angst haben, die Angst verbreiten, Bücher sind ein unberechenbares feindliches Heer mit Millionen Wörtern als Soldaten. Mit Büchern – sogar mit E-Books! – kann man Kopfnoten erteilen, indem man sie auf Hohlköpfe schlägt und dann auf den Klang achtet, und, wenn es dumpf klingt, die richtige Entscheidung treffen – es muss sich um Hohlköpfe handeln. Klar? Na klar.

Michael Jürgs, Jahrgang 1945, ist ein deutscher Journalist und Autor. Zuletzt erschien von ihm 2009 im Münchener C. Bertelsmann Verlag "Seichtgebiete - Warum wir hemmungslos verblöden".

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