Dschungelcamp XIII : Fernsehen, wie es größer nicht sein könnte

Kurz vor dem Finale verschachteln sich im australischen Dschungel immer mehr Ebenen der Inszenierung. Das muss man nicht mögen, gut ist es trotzdem!

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Die sich in den Dschungel aufmachten ...
Die sich in den Dschungel aufmachten ...Foto: RTL/Stefan Menne

Nach zwei Wochen steht die Einsicht: Die Lektüre des kulturellen Textes "Dschungelcamp" ist manchmal tatsächlich alternativlos - und die möglichen Alternativen heißen hier nicht gutes Buch (lesen oder schreiben, ganz egal), Abend mit Freunden oder Rockkonzert. Nach einem Tag prall gefüllt mit Adorno-Lektüre und anspruchsvollen Hintergrundrecherchen ist der Mensch geschaffen zum Fernsehen. Alle, die anderes behaupten, bleiben noch, wenn sie mit sich alleine sind, in Pose und gehören daher dringend in Therapie. Der Mensch, der ehrlich zu sich ist, ist am Abend eines solchen Tages bereit, zu treiben, Dinge über sich kommen zu lassen, die ihn erreichen können wie einen Sack Fleisch im Halbschlaf, denen er aber auch mal mehr, mal weniger Sinn abtrotzen kann. Das ist so schön am TV.

Das Einzige, was diesen gleichschwebenden Zustand noch am Rande konturiert, ist die Fernbedienung, und wer mit ihr am Mittwochabend den elegischen chinesischen Staudammstreifen "Still Life" (Arte) oder die angekunstete chilenische Sexklamotte "Im Bett" (3sat) angesteuert hat, hat ein fast so großes Problem wie die, die sich die Tatort-Wiederholungen in WDR und MDR anschauten. Weil: Sie alle verpassten das "Dschungelcamp", ein zumeist unterschätztes TV-Phänomen, dessen Reiz sich übrigens recht gut mit dem zumeist überschätzten Phänomen "Tatort" illustrieren lässt. Aus Sicht diverser gar nicht mal so dummer Leute wird im "Tatort" ja ein formatierter und zumeist sterbenslangweiliger Handlungsablauf dadurch aufgewertet wird, dass "gesellschaftliche Probleme" angegangen werden. Motto: Das Medium ist egal, solange die Message stimmt.

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Elf ziehen ein ins vierte RTL-Dschungelcamp, einer sticht besonders heraus:Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: RTL/Gregorowius
13.01.2011 14:30Elf ziehen ein ins vierte RTL-Dschungelcamp, einer sticht besonders heraus:

Das "Dschungelcamp" ist darin das krasse Gegenteil: Hier stimmt zwar die Message nicht, dafür sonst fast alles, was einem kunst-, diskurs- und kunstdiskursinteressierten Menschen Freudentränen in die Augen treiben kann. Aus ästhetischer Sicht ist die Annahme, dass nur die Inhalte stimmen müssen, um die Form zu rechtfertigen, sowieso so falsch, wie sie falscher nicht sein könnte. Es gibt Menschen, die auch abends auf der Fernsehcouch ihren Sinn für die Brüche in einem vermeintlich geschlossenen Narrativ, für den plötzlichen tiefen Fall aus den Höhen einer gerade zuvor erst etablierten Zugriffsroutine, den Reiz des Widerstreits von Formen und Inhalt nicht verloren haben. Offensichtlich scheinen sich die nur nicht öffentlich zu äußern, denn sonst würde man ja über das "Dschungelcamp" nicht immer nur unreflektiertes Gutgefinde oder reflektierte Verachtung lesen sondern den edlen Satz: "Das Dschungelcamp ist nicht nur ein mögliches, sondern vielleicht das einzig mögliche Fernsehen." Zumindest war das am Mittwochabend so.

Nirgendwo sonst wurde an diesem Abend so mit Rezeptionsklischees gespielt, wurden Erwartungshaltungen gebrochen, wurde das eigene Medium so virtuos mitreflektiert. Diese Folge des Dschungelcamps war so diskurssatt wie eine ganze Suhrkamp-Bibliothek. Jeder, der das beim Sehen nicht auf die eine oder andere Art mitbekommen hat, kann neben seinem Fernseher getrost auch alle anderen Medien (Bücher inklusive) aus dem Fenster werfen, er wird in diesem Leben nicht mehr die Fähigkeit erlangen, irgendwas, auf dem nicht das Stiftung-Warentest-Siegel "Große Kunst" prangt, als solche zu erkennen.

Das unschlagbar Gute an Reality-TV-Formaten ist ja der permanente Widerstreit zwischen formatierend zurichtender Regie und diesen Rahmen durch Anflüge von Autonomie sprengende Protagonisten. Im "Dschungelcamp", das gegenüber anderen Formaten schon immer den Vorteil hatte, ansatzweise charismatische Selbstdarsteller zu beherbergen, war das in diesem Jahr besonders ausgeprägt: Rainer Langhans widerstand vor der Abwahl jeder Form von Inszenierung außer seiner eigenen, Sarah Knappik übererfüllte sie in vollem Wissen um ihr Vorhandensein ("Ey, die Leute da draußen müssen mich hassen") so sehr, dass man gleich wieder an Absprachen mit dem Sender, an Geldflüsse und andere Manipulationen der Versuchsanordnung denken musste. Dem Vergnügen, sich dem "Dschungelcamp" und dem Nachdenken darüber hinzugeben, hat das nicht geschadet, im Gegenteil.

Wenn die Protagonisten, wie am Mittwochabend Indira und Jay, einander nun in (vermeintlicher) Unterschätzung der Mikrophonierung des Dschungels noch Dinge zuwispern, die darauf schließen lassen, dass sie eine Inszenierung von Realität (in Form einer fingierten Liebesbeziehung) in der als Realität getarnten Inszenierung versuchen, was die pikierten Zwischenrufe der vermeintlichen Inszenatoren der vermeintlichen Realität (vertreten durch die Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow) auf den Plan ruft, dann ist das erstens die konsequente Fortsetzung jener ersten Dschungelwoche und zweitens Fernsehen, wie es größer schwerlich sein könnte.

Dass einem alle Beteiligten, Protagonisten wie Produzenten, dabei moralisch suspekt bleiben, sollte bei dieser rein kulturellen Betrachtungsweise erst einmal egal sein. Den Liebhabern elegischer chinesischer Filme wird ja auch keine 100-prozentige Übereinstimmung mit dem Weltbild der Regisseure und Produzenten dieser elegischen chinesischen Filme abverlangt, ebenso wenig, wie sie einem Test unterzogen werden, ob sie das, was sie da gerade gesehen haben, "richtig" verstanden haben oder ob sie da wieder "zu viel hineininterpretieren" und "sich alles schönreden".

Erst, wenn solche und ähnliche Anwürfe die Fürsprecher des Dschungelcamps nicht mehr treffen, werden wir in einer Kultur leben, deren Kulturbegriff nicht von totemischen Gewissheiten, was denn nun ein Kunstwerk sei und welcher Haltung es zu entspringen habe, abgeleitet ist. Erst dann wird es auch jenseits von Hi-End-Kunst tatsächliche ästhetische Urteile geben, und nicht nur moralische, die als ästhetische getarnt sind. Inwieweit das tatsächlich wünschenswert ist, erscheint im Angesicht der ein oder anderen zutiefst widerwärtigen Figur im und um das Dschungelcamp allerdings, das sei hier zum Schluss noch eingestanden, durchaus zweifelhaft.

Alle Infos zu "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" im Special bei RTL.de.

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