DSDS : Der Migrantenstadl

"Deutschland sucht den Superstar“ ist gelebtes Integrationsprogramm.

Frederik Hanssen

Dieter Bohlen hat Dr. Sommer abgelöst. Seit kurzem beantwortet Deutschlands berühmtester Dauerjugendlicher in der „Bravo“ Teenagerfragen: präzise und einfühlsam, wie es seine Art ist. Aus dem Plastikpopgiganten wird langsam ein Übervater der Nation.

Heute Abend übernimmt Dieter Bohlen auch noch das Ehrenamt des bundesdeutschen Integrationsbeauftragten. Neun der zehn Kandidaten, die es aus 29 000 Bewerbern in die Finalrunde der fünften Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) mit Chefjuror Bohlen geschafft haben, kommen aus Migrantenfamilien: Da sind Linda Teodosiu, Tochter einer Spanierin und eines Rumänen, und die gebürtige Holländerin Rania Zeriri, da tritt der aus dem Libanon geflüchtete Fady Malouf neben der aus Bosnien-Herzegowina geflüchteten Monika Ivkic an, der Vater von Sahra Drone ist Amerikaner, ihre Mutter Deutsch-Syrerin, während die Eltern von Stella Salato aus Sizilien stammen, Collins Owusu kommt aus Ghana, Jermaine Alford wurde in Houston, Texas geboren, Thomas Godoj schließlich kam in Polen zur Welt. Allein die Familie von Benjamin, dessen Vater auf den schönen Namen Gerd Herd hört, hat keinen Migrationshintergrund.

Wer bei „DSDS“ mitmachen möchte, muss mindestens 16 Jahre alt sein – die deutsche Staatsbürgerschaft gehört nicht zu den Teilnahmebedingungen. Anders als etwa beim „Eurovision Song Contest“, bei dem nur ein Inländer für Deutschland um den Grand Prix kämpfen kann, anders auch als beim Bundeswettbewerb Gesang, der jährlich für deutsche Nachwuchsprofis in den Genres Musical respektive Oper stattfindet. Wenn also im Finale von „DSDS“ 90 Prozent Migranten antreten, bedeutet dies dann, dass sie leistungswilliger und ehrgeiziger sind als ihre deutschen Altersgenossen? Bereits der letztjährige Gewinner, Mark Medlock, ist Sohn eines Afroamerikaners.

Bei allem Misstrauen gegenüber dem RTL-Format: Die Vermutung, dass bei „DSDS“ besonders viele Migranten auftreten, weil auch vermehrt Migranten vor den Fernsehschirmen sitzen, ist nicht zu belegen. Bei der RTL–Marktforschung würden vor allem die Milieus der Zuschauer sowie deren Alter erhoben, sagt eine Sendersprecherin. Die Herkunft spiele für Werbekunden keine Rolle.

„Deutschland sucht den Superstar“ ist also gelebtes Integrationsprogramm. Das Format ist eindeutig Fernsehen für Leute, die nach oben wollen: Erfolgreiche Popstars rangieren in der Mediendemokratie auf den gesellschaftlichen Spitzenplätzen. Ein Promi zu sein, wenn auch in der C-Klasse, gilt vielen als Lebensziel. Und Bohlen ist ein Aufsteigerversteher, er hat sich selbst aus kleinsten Verhältnissen hochgeboxt.

Wenn RTL die gruseligen Zusammenschnitte der Vorauswahl zeigt, geht es keineswegs nur darum, diese Opfer der Selbstüberschätzung zur allgemeinen Gaudi der Zuschauer vorzuführen. Die Schlechtesten der Schlechten sollen dem Zuschauer auch vor Augen führen, was die potenziellen Finalisten bereits draufhaben. Auf diese letzten zehn Teilnehmer wartet wochenlanger Drill als nötige Vorbereitung auf die Motto-Shows, in denen stilistische Vielseitigkeit abgeprüft wird.

Künstler, die schon ihren eigenen Sound gefunden haben, wie etwa Max Buskohl im vergangenen Jahr, werden hier nie gewinnen. Bei „DSDS“ geht es um Anpassungsfähigkeit an die Mehrheitskultur, es geht um die Mehrheit der potenziellen Tonträgerkäufer. Da ist Integration geradezu zwingend. Eine Situation, die Ausländer und Migranten gut kennen. Wer neu in eine Gruppe kommt, weiß, dass er sich seinen Platz erst einmal erobern muss, bevor er akzeptiert wird. „Respekt“ lautet einer der Schlüsselbegriffe unter Jugendlichen. Wer Bohlens Respekt will, muss besser sein als der Durchschnitt. Und er muss Regeln akzeptieren, die andere aufgestellt haben – sich integrieren.

Mit „DSDS“ leistet RTL vielleicht mehr für das soziale Miteinander in diesem Land als so manches wohlmeinende Programm der politisch Überkorrekten.

„Deutschland sucht den Superstar“, RTL, 20 Uhr 15

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