DSDS-Finale : Sozialfälle, Exoten, Loser

Die Nummer eins der Castingshows geht ins siebte Finale. Der Erfolg von „DSDS“ ist ungebrochen.

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Es gibt dieses Wort, ohne das keine Castingshow mehr auskommt. Fade Mädchen mit guter Stimme kommen weinend aus dem Castingraum, weil das, was dieses Wort ausdrückt, bei ihnen keiner sieht. Extrovertierte Jungs im Stimmbruch halten seinetwegen den Recallzettel in der Hand: das „Gesamtpaket“. Über das „Gesamtpaket“ zu verfügen, ist eine Auszeichnung. In dieser Welt von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), in der heute Abend das Finale der siebten Staffel läuft, in der Dieter Bohlen so etwas ist wie für andere Menschen Gott. Wenn der Mann, von dem viele Kandidaten denken, er würde mit Vornamen „Dieterbohlen“ heißen, lobt, ist es ein Ritterschlag. Wenn er beleidigt, ist es die Vernichtung.

Das Gesamtpaket ist die Summe aus Aussehen, Gesang, „Personality“ und dem wichtigsten Faktor: der Geschichte hinter dem Kandidaten. Ein Wonneproppen aus einer Lehrerfamilie, der gern Volleyball spielt, gewinnt „DSDS“? Langweilig! Warum? Weil „DSDS“ Unterhaltung ist und man auch im Kino keine Geschichte sehen möchte, in der man einer Figur ohne Abgründe oder Probleme beim glücklichen Leben zusieht. Und auch wenn die Geschichten der Kandidaten oft ähnlich sind: Sind sie das im echten Leben nicht auch? Liebeskummer, Arbeitslosigkeit, Tod. „Deutschland sucht den Superstar“ ist eine gelungene Mischung aus Voyeurismus, Exhibitionismus und guter Dramaturgie.

Grob unterteilen lassen sich die „DSDS“-Erfolgstypen in drei Kategorien: Exoten, Loser und Sozialfälle. Die Exoten (aus der aktuellen Staffel: Thomas Karaoglan, Steffi Landerer; aus anderen Staffeln: Daniel Küblböck, Benni Herd) haben mittelmäßige Stimmen und wenn es ihr Geschlecht verbietet, sich mit prallem Décolleté auf einer Harley zu räkeln, singen sie gern „Stand by me“. Ansonsten sind sie laut und größenwahnsinnig. Die Loser (Daniel Schuhmacher, Tobias Regner) wurden in der Schule gemobbt, verhauen und konnten nie zeigen, was in ihnen steckt. Wenn sie Mädchen sind, haben sie für „DSDS“ hundert Kilo abgenommen (Lisa Bund). Der Sozialfall ist bisher der erfolgreichste Kandidat: Er singt für seinen todkranken Vater (Christopher Schnell in Staffel fünf) oder für den verstorbenen Freund (Nelson Sangaré in der aktuellen siebten Staffel). Beliebte Masche des Sozialfalls ist die Arbeits- und Perspektivlosigkeit, die bereits die Hartz-IV-Empfänger Thomas Godoj und Mark Medlock aufs Siegertreppchen hievte. Letzterer punktete zusätzlich mit toten Eltern und prügelndem Partner.

In der Hinsicht ist die siebte „DSDS“-Staffel keine Ausnahme. Im Finale stehen Ex-Häftling Menowin Fröhlich, der auf seinem Skandalkonto drei Kinder mit seiner Cousine und ein „DSDS“-Comeback bereits vor Staffelende verbuchen kann, sowie Mehrzad Marashi, der – obwohl er seine eben erst niedergekommene Freundin im Krankenhaus vor die Kamera zerrte, die Narben einer Messerstecherei zeigte und einen toten Bruder ausgrub – gegen den geläuterten Kriminellen alt aussieht. Die siebte Staffel „DSDS“ ist die erfolgreichste seit der ersten, mit durchschnittlich 6,37 Millionen Zuschauern.

Die Kandidaten waren auch perfekt ausgesucht. Zwar waren nicht alle gut, aber keiner war langweilig. Schlechte Sänger sind kein Problem für „DSDS“, schlechte Kandidaten schon. Egal, ob man Kim Debkowski für eine große Sängerin hielt, man freute sich, dass endlich ein Mädchen in Lady- Gaga-Outfits über die Bühne stakste, anstelle der immergleichen R’n’B-Klone, die mit großen Armbewegungen Whitney Houston singen.

Diese siebte Staffel hat aber noch in anderer Hinsicht gewonnen. Zum ersten Mal ist es gelungen, das zu vermitteln, worum es geht: Konkurrenz. Die Kandidatenharmonie langweilte oft bei „DSDS“. Unvergessen die peinliche Szene der ersten Staffel, in der Daniel Küblböck greinend zusammenbrach, als seine Busenfreundin Gracia Baur rausgewählt wurde, anstatt sich zu freuen, einen Konkurrenten kaltgemacht zu haben. Anstatt bei den Mottoshows in einer harmonischen Rotte aneinandergeklammert in der „Lounge“ zu zittern, hörte man in dieser Staffel fast jeden Kandidaten den Sieg für sich beanspruchen. Außerdem gab es den Konflikt mit Menowin, der kurzzeitig aus dem Loft auszog, bei den Entscheidungen abseits stand, keinen anderen Kandidaten mehr umarmen wollte und den Konkurrenzkampf zum ehemaligen Best-Buddy Mehrzad suchte, der auf die Provokationen einstieg. Die Tatsache, dass diese explosive Kombination im Finale kämpft, ist kein reißerisches Kalkül der Macher – sondern Wahl der Zuschauer.

Die Studiostimmung gleicht der eines Boxkampfes. Manchmal hat die Jury Probleme, den Moderator zu hören. Menowin Fröhlich, der talentierte, gangsterhafte Michael-Jackson-Fan, gegen Mehrzad Marashi, den korrekten, selbstbewussten Typ, der Xavier-Naidoo-Lieder so gut singt, dass man nie wieder das Original hören möchte. Perfektes Ende einer Staffel, die so besonders ist, weil ab Mottoshow Nummer fünf jeder der Kandidaten das Zeug zum Gewinnen hatte. Das soll „DSDS“ mal jemand nachmachen.

„Deutschland sucht den Superstar“, RTL, 20 Uhr 15

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