Medien : Du kannst nicht singen? Prima!

„Deutschland sucht den Superstar“ ist kein Betrug, sondern eine Inzenierung

Joachim Huber

Diese brutale Wahrheit muss heraus: „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) ist kein Wohlfahrtsprogramm, es geht nicht um Menschenfreundlichkeit, es geht um eine simple Rechnung: Nur hohe Quoten garantieren hohe Werbeeinnahmen. „DSDS“ ist Fernsehen für die größtmögliche Zahl an Zuschauern, und weil es ein solches Fernsehen ist, ist es auch ein Fake. Was bedeutet: Die Castingshow ist eine Inszenierung, die alles tut, um die Inszenierung in der Sendung zu verbergen. Dazu gehört, dass einer aus der Inszenierung ausbricht: In der „Bild“, auch das Massenblatt holt aus „DSDS“ an Aufmachern raus, was rauszuholen ist, hat Allan Garnelis aktuell „ausgepackt“. Der Kandidat der laufenden und vierten „DSDS“-Staffel sagte, die 20 Finalisten stünden längst fest, der Jubel sei nur gespielt und: „Wir wurden sogar eingesperrt.“ Dass der 29-jährige Versicherungskaufmann mit belegter Stimme bei „Bild“ vorsingt, bringt ihm vielleicht mehr Aufmerksamkeit als seine begrenzten Auftritte bei der RTL-Show. Denn dass Garnelis rausfliegt, steht seit der Aufzeichnung im Dezember fest. Nur wird es der Zuschauer erst an diesem Sonnabend erfahren.

„DSDS“ kombiniert auf geschickte Weise Amüsement/Empörung der Zuschauer mit der Star-Sehnsucht der Kandidaten. Nur eine oder einer von sage und schreibe 30 000 Bewerberinnen und Bewerbern kann gewinnen. Sie alle sind Fernsehmaterial. „DSDS“ hat sich längst zweigeteilt: In eine Comedy, die sich zur (Schaden-)Freude der Zuschauer derbe Scherze auf Kosten der untalentiertesten Kandidaten leistet. Und untalentiert sind die allermeisten. Dann haut „Schandmaul“ Dieter Bohlen, Anführer der dreiköpfigen Jury-Gang, drauf, das Fernsehbild wackelt vor Entsetzen – es kommt, was kommen muss: Verzweiflung, Tränen, Wutausbrüche, Flüche. Hurra, das sind die Emotionen, die die Aufmerksamkeit anfachen.

Drei Juroren können niemals 30 000 Kandidaten mustern. In der Comedy-Abteilung geht es darum, dass die „Vorkoster“ aus dieser Menge heraus Anja Lukaseder, Dieter Bohlen und Hein Henn die Besten und die Schlechtesten zuführen. Dass einer überhaupt nicht performen kann, das ist den RTL-Produzenten völlig egal. Es kommt auf die Show an, die ein Fernsehbild werden kann. Nicht wenige Bewerber haben das begriffen. Sie wollen mit ihrer Inszenierung vor Millionen auftreten. „DSDS“ erfüllt den Gefallen, auch zu dem Preis, dass eine Star-Illusion von Bohlen mit krachendem Wortschatz zum Platzen gebracht wird.

Der zweite Teil der Castingshow, wenn das Publikum über Telefon-Voting mitentscheiden darf, ist heikler. Da sinkt bei den übrig gebliebenen Kandidaten die Frustschwelle. So weit – und trotzdem raus? Auch bei der Konkurrenzveranstaltung, den „Popstars“ von Pro 7, kamen heftige Vorwürfe auf. Die Sieger, die dreiköpfige Mädchenband „Monrose“, hätte längst festgestanden, völlig nebensächlich, für wen die Telefondrähte wirklich glühten. Klar ist: Bei den Finalrunden spielt die Verwertungsfrage eine gewichtige Rolle. Welche Band, welcher Sieger sorgt bei den CD-Verkäufen, bei der Tournee etc. für den größten Schnitt? So eine Verwertungsmaschine kann nicht erst am Abend des Finales anlaufen, das muss früher passieren. Und keine Sorge: Die Telefon-Voter sind das eigentliche Test-Publikum. Eine genauere Marktbeobachtung können die Plattenbosse gar nicht geliefert bekommen. Sie arbeiten mit den Votings, nicht gegen sie.

Betrügen Pro 7 und RTL ihr Publikum? Sie müssen es gar nicht. Bislang funktionieren die Stellschrauben der Inszenierung derart gut, dass nicht gelinkt werden muss. Wenn die Quoten sinken, ja einbrechen, dann ist es vom Fake zum Betrug nur eine Staffel „DSDS“.

„Deutschland sucht den Superstar“, 20 Uhr 15, RTL

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