Medien : Du sollst dir besser kein Bild machen

Steffen Schwarzkopf war der erste Reporter in der Hölle von Khao Lak. Vieles filmte er nicht – absichtlich

Kerstin Decker

Am 26. Dezember hatte Steffen Schwarzkopf Dienst. Weihnachten bei N 24, am Tag der ruhenden Nachrichten. Die wichtigste Nachricht der Woche – für Jahrhunderte, Jahrtausende die Hauptnachricht überhaupt: der Heiland ist geboren! – war schon wieder einen Tag alt. Heute sind Nachrichten oft kurzlebiger, er weiß das, darum war er ja da, gewissermaßen prophylaktisch. Und vor einem Jahr nahm dieser vermeintliche Nachrichtenruhetag auch ein bedenkliches Ende. Am Abend saß Steffen Schwarzkopf anstatt unterm Weihnachtsbaum im Flugzeug. Erdbeben im Iran. In Bam zerbrach den Menschen der Boden unter den Füßen, und Schwarzkopf wollte das mit eigenen Augen sehen.

Steffen Schwarzkopf ist N 24-Reporter. Reporter sind Menschen, die bestimmte Dinge mit eigenen Augen sehen müssen. Sie sehen mehr, als sie weitersagen, weiterzeigen können, aber nicht alles, was sie sehen, ist zum Weitersagen, Weiterzeigen geeignet. Oder doch, zum Sagen vielleicht, aber nicht zum Zeigen. Die Sprache ist mittelbarer. Das Bild ist unmittelbar. Weihnachten im Flugzeug, das passiert nur einmal, dachte er noch, als die erste Flut-Meldung eintraf.

Seit sechs Jahren ist Steffen Schwarzkopf Reporter. Der Anblick des Todes schockiert ihn nicht, er hat schon viele Tote gesehen. Er war in Afghanistan, im Irak… die Krisenorte der Welt sind seine zweite Heimat, oder sagen wir: sein zweiter Arbeitsplatz.

Der erste Arbeitsplatz sind die N24- Studios in der Berliner Oberwallstraße. Dort sitzt er, ein großer schlanker Mann, beiges Jacket, hellblaues Hemd, mit eben jener Januarbräune im Gesicht, die die Winterblassen normalerweise halb neidisch, halb spöttisch werden lässt – wie man eben mit Menschen spricht, die zu viel Urlaub machen. Aber dieses Jahr schaut man anders auf die Gutgebräunten. Und Schwarzkopfs Bräune verbirgt nur eine große Blässe. Seit zwei Tagen ist er zurück in Berlin. Noch am 26. Dezember ist er losgeflogen, dieselbe Richtung wie vor einem Jahr am selben Tag, nur weiter. Berlin-Frankfurt. Frankfurt-Bangkok. Bangkok-Phuket. Die meisten Menschen auf der Erde hörten an diesem Abend das Wort Tsunami zum ersten Mal, er nicht. Er kannte die Tsunamis schon aus seiner Weihnachtslektüre, „Der Schwarm“. Schwarzkopf lächelt. Gezielte Katastrophenvorbereitung war das nicht, und an den siebten Sinn des Reporters glaubt er auch nicht. Er weiß selber nicht, warum er das Buch gekauft hatte. „Spiegel“-Bestsellerliste, da kann man nicht viel falsch machen. Und dann traf er in Thailand einen Taucher, der am Morgen des 26. mit einem Freund am Strand gewesen war und das Wasser zurückgehen sah. Es war ein faszinierender Anblick, aber der Taucher hatte gerade dasselbe Buch gelesen wie Schwarzkopf und sagte zu seinem Freund „Los, weg hier!“ Das Buch hat ihm das Leben gerettet.

Steffen Schwarzkopf war der erste Journalist überhaupt, der aus Khao Lak berichtet hat. Am 27. Dezember sendete er den ersten Bericht von dort, da ging die Bundesregierung noch von wenigen deutschen Opfern aus. Aber Hunderte waren es allein hier, erfuhren wir durch ihn. Auch jetzt war es nicht der siebte Sinn des Reporters, der ihn nach Khao Lak führte, sondern nur ein Hotelmanager, den er zufällig traf. Alle drängen sich hier in Phuket, aber sein Ort existiere gar nicht mehr, rief der Hotelmanager aus Khao Lak und Schwarzkopf folgte ihm, sah als Erster diese von Leichen gesäumten Straßen. Er kannte den Anblick des Todes, aber so hatte er ihn noch nicht gesehen. Nicht so massenhaft.

Anfangs war Schwarzkopf sein eigener Kameramann, gut, dass die Kamera noch dann hinsehen konnte, wenn er schon wegsehen musste, mit abgewandtem Gesicht einfach weiterfilmte. Die Technik stellt den Tod schon scharf, das musste nicht er tun. Dabei ist der Tod, schwarz- weiß durch den Sucher gesehen, schon viel abstrakter als ihm schutzlos mit bloßem Auge gegenüberzustehen. Später, beim Grobschnitt am Bildschirm, war er schon viel konkreter. – Wie ich die Bilder auswähle? Ich habe das im Gefühl, sagt Schwarzkopf.

Journalisten machen schon von Berufs wegen viele Worte, denkt man. Er kommt mit wenigen aus. Auch müssen Reporter nicht immer rasend sein; dieser hier ist ausgesprochen zurückhaltend. Das, was er beim Wieder-Sehen, beim Rohschnitt schon nicht aushielt, flog gleich raus. So einfach. Und vieles andere auch. Schon weil es die Würde der Toten es so wollte. Die Hand eines Toten, das genügt. Dass manche dieser nie gezeigten Bilder sich dennoch unlöschbar in sein Gedächtnis eingegraben haben, ist etwas anderes.

Etwa der Anblick der jungen Frau mit dem entsetzensstarren Gesicht, den weit geöffneten Augen, die noch im Tode ihr kleines Kind fest umklammert hielt. So hat man sie zusammen gefunden. Man kann das aussprechen, man kann das schreiben. Zeigen kann man es nicht. Der Beruf des Journalisten ist das Hinsehen. Aber ohne das Wegsehen-Können wäre auch das Hinsehen nicht definierbar. Alles würde gleichgültig. Der Lidschlag bestimmt das Maß des menschlichen Sehens. Die Fähigkeit, die Augen niederzuschlagen, gerade vor Menschen, die unseren Blick nicht mehr erwidern können.

Das Bild ist unmittelbar. Und doch hat Schwarzkopf in Thailand erfahren, dass selbst Bilder noch ein Medium der Distanz sind. Das, was nicht mehr distanzierbar ist, aber erst das „Vollbild“ ergibt, ist unsichtbar. Es ist der Geruch. Gerüche lassen sich nicht beschreiben. Schwarzkopf hat in der Tempelanlage gefilmt, wo Tausende Tote hingeschafft wurden. Ohne die doppelte Atemschutzmaske wäre ihm sofort die Kamera aus der Hand gefallen. Es war fast eine Woche nach der Flut. Die Toten sahen alle gleich aus; ob Asiate oder Europäer war nicht mehr zu sagen. Ja nicht einmal, ob Mann oder Frau. Schwarzbraun mit aufgetriebenen Leibern lagen sie dort, eine Fernaufnahme des Ortes hätte genügt. Aber genügte sie auch, um verständlich zu machen, was die Experten vom BKA dort taten? Zur möglichen Identifizierung der Toten nahmen sie Fingerabdrücke, Proben vom Muskelfleisch oder brachen Zähne heraus. Unmöglich, das zu zeigen. Das Auge sieht nie nur einen Ausschnitt, aber die Kamera kann das. Schwarzkopf wählte den Schwenk von den Instrumenten ins Gesicht der BKA-Mitarbeiter.

Die Totale dieser Szene existiert nur im Kopf des Reporters.

Die Thailändischen Eisverkäufer verkaufen schon Wellen-Eis. Straßenmaler malen den Tsunami, die makellose Schönheit dieser einen Welle. Andere verkaufen Flutvideos. „The Best of“ der Flut, unterlegt mit der Céline-Dion-Musik aus „Titanic“, preiswert. Schwarzkopf hat auch eins gekauft. Ein typisches Produkt des globalen Medien-Zynismus, könnte man meinen. Aber die Fernsehstationen dieses Landes haben gezeigt, dass sie doch noch immer die Grenzen kennen, die niemand genau definieren kann. Man hat sie im Gefühl, würde Schwarzkopf sagen.

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