Medien : Dürfen einem Diktatoren Leid tun?

„Die Honeckers privat“: Ein zweiteiliger MDR-Film über das erste Ehepaar in der DDR

Kerstin Decker

Es gibt Menschen, denen traut man einfach kein Privatleben zu. Sherlock Holmes etwa, oder Diktatoren. Oder Erich Honecker. Irgendwie sind wir in der DDR nie auf die Idee gekommen, dass der Generalsekretär des Zentralkommitees der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR auch leben könnte. Er kam aus einer Welt, die wir nicht mehr verstanden, er hatte nichts mehr mit uns zu tun – bis auf die Tatsache, dass er uns regierte. Und trotzdem, irgendwie hat uns dieser Mann, der die Sache, für die er stand, den „Sozialismus", nicht mal richtig aussprechen konnte, immer ein bisschen Leid getan.

Und nun sehen wir ihn und seine Frau so, wie wir sie noch nie gesehen haben, in einem seltsam anrührenden Film (13. und 20. Mai im MDR-Fernsehen). „Die Honeckers privat" - das klingt nach einem Beitrag zum Bohlen-Effenberg-Zeitalter und ist doch anders. Fast eine Art Aufklärung. Die Autoren Thomas Grimm und Ed Stuhler betreten schwieriges Terrain. Denn darf ein Film über einen, nunja, Quasi-Irgendwie-Diktator anrühren? Und dürfen Diktatoren einem Leid tun?

Nach der Wende hat man versucht, aus Erich Honecker eine Art Mini-Saddam zu machen. Wandlitz als Weintrinker-Kommune der Wasserprediger. Was für ein trauriges Ghetto das war, in dem die Regierenden des Landes sich selbst interniert hatten, aus Angst vor ihrem Volk, zeigt noch einmal dieser Film. Sogar Margot Honecker wurde elegisch: Sie hätte den sehen mögen, der mit ihr hätte tauschen wollen. Bei lebendigem Leibe eingesargt – das war es.

Erich Honecker und Margot Feist fuhren 1949 nach Moskau, zu Stalins Geburtstag, und verliebten sich. Sie über ihn: „Er war aufrichtig, ein guter Kamerad." Er über sie: „Zweitens hat mich fasziniert, dass sie auch aktiv tätig war." Trotzdem, es muss Leidenschaft gewesen sein. Wir wissen das aus einem Brief, den Erich Honeckers Frau Edith Baumann – er war nämlich schon verheiratet und hatte ein Kind – an Walter Ulbricht schrieb: Ihr Mann habe zwei Nächte lang das wildeste Zeug fantasiert. Honeckers Noch-Frau hoffte auf Disziplinierung von ganz oben, ein Beistand, der den wenigsten Ehebruchopfern zuteil wird. Trotzig bekamen Margot und Erich ein außereheliches Kind, als es Edith Baumann gelang, Margot für ein Jahr zum Studium nach Moskau zwangsdelegieren zu lassen. Nun musste das Saarland eingreifen. Honeckers Eltern reisten zur Kinderbetreuung an, während Erich an Margot nach Moskau schrieb, dass er nie von ihrer Seite weichen werde, „auch wenn ich notfalls wieder als Dachdecker arbeiten müsste." Das hätte der Wendepunkt werden können.

Verpasst. Die Autoren berichten, dass Honecker wie ein Putschist 1971 auf Walter Ulbrichts Landsitz vordrang – mit MP-Begleitung, Telefonleitungen gekappt –, um ihn abzusetzen. Ein Höhepunkt ist zweifellos Wolf Biermanns Deutung der Volksbildungsministerin, die eines Tages in dessen Chausseestraßen-Wohnzimmer saß, genau in dem Sessel, der sonst Robert Havemann gehörte. Denn beider Väter waren Kampfgefährten gewesen. Eine eigentümliche Hochachtung spricht aus den Worten des Sängers. Sehr intelligent, diese Frau, nur völlig ungebildet.

„Die Honeckers privat" ist ein fein beobachtender, wohltuend unideologischer Film, er zeigt die Entfremdung des Ehepaares und sein spätes Einander-Wiederfinden nach 1990. Vor allem lässt er an scheinbar beiläufigen Dingen die hermetisch-entrückte Traumwelt ahnen, in der der erste Mann im Staate lebte. 1988 starb Honeckers Enkelin mit zwei Jahren, und immer öfter wich er von der Protokollstrecke Berlin-Wandlitz ab, um an das Grab zu gehen. Eine große Kristallvase hatte er darauf gestellt, Honecker hielt die Vase für absolut sicher – Diebstahl, dachte er, gibt es nur im Kapitalismus. Honecker konnte Recht behalten. Sobald er weg war, nahm man die Vase vom Grab. Bevor er kam, auch spät am Abend, wurde die Vase wieder aufs Grab gestellt.

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