Durchbruch oder Abbruch : Heute Assi, morgen ...

Steven Gätjen ist der neue Moderator an der Seite von Stefan Raab. Es ist nicht die erste Chance seines Lebens.

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Das Rotlicht an der Kamera leuchtet, Steven Gätjen legt selbstbewusst los, immerhin hat er es mit seinem selbst gedrehten Video zum Casting für das deutsche MTV geschafft. Doch kaum hat er die ersten Worte gesprochen, muss er sich anhören: „Vergiss es, das wird nichts. Du hast kein Talent.“ Zack, zwei Sätze und bevor die Karriere vor der Kamera für ihn angefängt, scheint sie schon vorbei zu sein.

Es ist das erste Mal, dass Gätjen mangelndes Talent als Moderator bescheinigt wird. Es wird nicht das einzige Mal bleiben. Trotzdem lässt er sich nach dem Casting 1996 nicht von seinem Ziel abbringen – und moderiert heute eine der erfolgreichsten Samstagabendshows im deutschen Privatfernsehen: „Schlag den Raab“ auf ProSieben.

„Die Show ist die Chance meines Lebens. Ich will beweisen, was ich kann“, sagt Gätjen. Beim Treffen in Berlin-Mitte erzählt er von seinen Erlebnissen bei MTV, der 38-Jährige ist mit dem Fahrrad zum Gespräch gekommen, auf dem Rücken trägt er eine Tasche mit leuchtenden Neon-Quadraten. Ihm soll im Hauptstadtverkehr offenbar nicht das passieren, was er zuletzt im Fernsehen erleben musste: übersehen zu werden.

Seit fast zehn Jahren hat Gätjen bei ProSieben keine große Primetime-Show mehr moderiert, obwohl ihn der Sender 1999 extra für solche Jobs aus London zu sich holte, wo Gätjen trotz des misslungenen Castings bei MTV gelandet war. Nicht als Moderator, sondern als Redakteur. Eines Tages wird die Nachrichtensprecherin krank, kurzfristig springt Gätjen ein – und macht seinen Job so gut, dass er vor der Kamera bleiben darf.

Dabei wollte er ursprünglich Arzt werden, wie sein Vater. Nach dem Abitur bewirbt er sich deshalb für einen Medizinstudienplatz in den USA. Hier wurde Gätjen in Phoenix/Arizona geboren, hier verbrachte er die ersten drei Jahre seines Lebens, bevor die Familie nach Hamburg ging – und hierhin zieht er sich später zurück, als es mit dem Moderieren wieder einmal nicht so läuft wie geplant. Zunächst aber entwickelt sich der vermeintlich Talentlose zum Supertalent.

Gätjen macht nach seinem Zivildienst ein Praktikum beim Hamburger OK Radio, sein Interesse fürs Moderieren wird geweckt: „Mich hat es fasziniert Geschichten zu entdecken, sie vorzuschlagen, zu recherchieren und dann daraus Beiträge zu machen. Jeder Tag brachte etwas Neues, zu einem anderen Thema, und ich hatte Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen.“ Gätjen ändert seine Berufspläne, volontiert bei OK Radio, dann kommt das Casting, und er geht zu MTV.

Locker, charmant, ein wenig flapsig moderiert er die MTV News seit seinem überraschenden Einsatz. Das gefällt dem Privatsender ProSieben so gut, dass er Gätjen engagiert. Gätjen macht das Magazin „taff“, berichtet von den Oscars am roten Teppich und wird 2001 mit den drei wichtigsten neuen Shows des Senders betraut. Dazu übernimmt er eine Primetime-Sendung beim Schwestersender Sat 1. Gätjen ist damit der erste Moderator, der auf beiden Sendern zu sehen ist. Sogar der „Spiegel“ fragt Gätjen damals, ob ihm sein Erfolg mit 28 „manchmal unheimlich“ sei. Doch so groß der Hype, so groß die Enttäuschung. Die ProSieben-Shows „Fort Boyard“, „Speed“ und „Der Maulwurf“ laufen teilweise nur mäßig erfolgreich, der Sat-1-„Champions Day“ floppt.

Gätjen nimmt sich eine Auszeit, geht in die USA, belegt Kurse an der Universität im kalifornischen Los Angeles und moderiert Nachrichten für den amerikanischen Entertainment-Sender E!. Dann will er es auch in Deutschland wieder wissen. Erneut landet er bei ProSieben – doch die großen Primetime-Shows gehen an die Kollegen. Gätjen macht unter anderem die „Disney Filmparade“, schreckt selbst vor „Gülcans Traumhochzeit“ und „Sommermädchen 2009“ nicht zurück. Für einen Moderator, der ernst genommen werden will, müssen solche Flach-Formate schmecken wie Laterne ganz unten. Die Kritik ist heftig. Gätjen moderiere „ungehemmt aus dem Unterleib heraus“, heißt es beispielsweise bei Spiegel Online.

„Sicher habe ich damals gedacht: ,Wo bin ich hier bloß gelandet?’. Aber aus Futterneid habe ich lieber alles moderiert, was ich angeboten bekommen habe, als es anderen zu überlassen“, sagt Gätjen. Einen Fehler habe er damit aber nicht begangen. „Ich habe das eher als Herausforderung gesehen, nach dem Motto: ,Was kann man aus so einer Situation machen?’“ Doch sei er keiner, der alles, was man ihm vorsetzt, wegmoderiert. „Dafür mache ich meinen Job mit zu großer Leidenschaft“, sagt Gätjen.

Und diese Leidenschaft treibt ihn offensichtlich so sehr an, dass er sich immer wieder berappelt, neue Sendungen wagt. „Ich weiß ja nicht, was ich kann, wenn ich’s nicht versuche“, sagt Gätjen. Er versprüht einen Das-Glas-ist-halb-voll-Optimismus, wie er Amerikanern gerne nachgesagt wird. Gätjen hat ihn offenbar in seinen ersten drei Lebensjahren verinnerlicht, in seiner Auszeit vertieft und sich auch nicht von Das-Glas-ist-halbleer-Deutschen austreiben lassen.

Sein Stil kommt auch beim Macher Stefan Raab an. In diesem Frühjahr nimmt Raab Gätjen mit als Ko-Kommentator zum ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest in Düsseldorf. Als sich kurz darauf Matthias Opdenhövel zur ARD verabschiedet, holt Raab Gätjen als Moderator für seine Erfolgsshow „Schlag den Raab“. Er habe nicht lange überlegen müssen, sagt Gätjen: „Das ist keine durchchoreografierte Sendung, sondern man weiß nie, was passiert und wie lange die Spiele dauern. Deshalb muss man als Moderator spontan reagieren, und das ist eine Herausforderung“, sagt Gätjen.

Seine Premiere Anfang Juni meistert er souverän. Mit Anzug und Einstecktuch grenzt er sich schon optisch vom Draufgänger Opdenhövel ab, scheut sich jedoch nicht, Raab Contra zu geben, wenn dieser vorpreschen will. Auch bei den Zuschauern hat Gätjen einen Schlag. Mit einem Marktanteil von knapp über 30 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen war die Ausgabe die bisher viertbeste.

Ob es nach dem Einstand so gut weitergeht, zeigt sich diese Woche. Bereits am Donnerstagabend führte Gätjen durch die Promi-Version „Schlag den Star“, bei der „Verstehen Sie Spaß?“-Moderator Guido Cantz antrat. Am Samstag folgt sein zweiter Auftritt bei „Schlag den Raab“. Es ist die 30. Ausgabe der Show, 1,5 Millionen Euro sind im Jackpot.

Angst, mit den Erwartungen überfordert zu sein, hat Gätjen nicht. Sein Glas ist gerade ganz voll.

„Schlag den Raab“, Samstag, 20 Uhr 15, ProSieben

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