Medien : Dutschke und Tango

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Tom Peuckert verrät,

was Sie nicht verpassen sollten

Wer schon immer mal unorthodox Silvester feiern wollte, könnte es mit dem Kulturradio probieren. Die letzte Nacht des Jahres allein vorm Lautsprecher verbringen. In der warmen Radiohöhle, unbelästigt vom pyrotechnischen Nahkampf auf den Straßen. Der Abend beginnt mit einem der besten Hörspiele der jüngeren Rundfunkgeschichte. Christoph Schlingensief hat nicht nur Filmstudios und Theaterbühnen aufgemischt, sondern auch das Hörspiel in ästhetische Turbulenzen gebracht. „Rocky Dutschke 68“ heißt sein radiophoner Beitrag zur deutschen Erinnerungsarbeit. Noch einmal lässt Schlingensief hier Rudi Dutschke in Westberlin einmarschieren. Der große Agitator, wie er anno 68 marxistische Dialektik vor Kaufhäusern und Zeitungsredaktionen rezitiert, während in den Köpfen verhetzter Kleinbürger Mordlust schwelt. Schlingensief inszeniert eine fiebrige LiveSchaltung zwischen Rundfunkstudios und Reportern draußen im Land. Wir hören hysterische Diven, politisch korrekte Redakteure, echte Behinderte und natürlich Dutschkes Stimme aus den Archiven. Eine grelle Satire auf beinahe alle Formen des falschen Bewusstseins. Ein großer Theater- oder vielmehr Radiozauber (Deutschlandfunk, 31. Dezember, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Wer den Humor feiner, leiser, bürgerlicher mag, kann seinen Silvester-Prosecco während der Berliner Aids-Gala entkorken. Mit bewährt trockener Komik führt Loriot durch die Aufzeichnung des diesjährigen Programms. Leider zum letzten Mal, wie die Veranstalter melden (Radio Kultur, ab 20 Uhr 05, UKW 92,4 MHz) Der Rest der Nacht ist Tango. Zwei Stunden „Tango à gogo“ im Deutschlandfunk (ab 21 Uhr 05). Und das neue Jahr beginnt mit einer "Astor-Piazzolla-Nacht“ (Deutschlandradio, 1 Uhr 05, UKW 89,6 MHz). Wer jetzt immer noch alleine feiert, muß es vorm Spiegel mit sich selbst als Tanzpartner versuchen.

Weil es ein Leben vor Silvester gibt, seien hier noch zwei Kriminalhörspiele empfohlen. Friedrich Dürrenmatt spielt die Hauptrolle in einem Krimi von Friedrich Dürrenmatt. „Der Doppelgänger“ heißt das historische Stück um einen Mann, der für einen Mord seines Doppelgängers verurteilt wird. Er hält sich für unschuldig, aber einem versierten Autor wie Dürrenmatt gelingt es mühelos, das Gegenteil zu beweisen (Deutschlandradio, 30. Dezember, 19 Uhr 05).

Wer noch nie etwas von dem Österreicher Wolf Haas gelesen hat und folglich nicht weiß, wie amüsant moderne deutschsprachige Krimis sein können, sollte sich die Hörspieladaption des Romans „Auferstehung der Toten“ nicht entgehen lassen (Radio 88.8, 29. Dezember, 22 Uhr, UKW 88,8 MHz).

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