E-BOOK : Leichter lesen

Das elektronische Lesegerät ist gut für Reisen und Umzug – und sonst? Autoren und Branche auf der Frankfurter Buchmesse diskutieren über das E-Book.

Markus Ehrenberg,Joachim Huber
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Mein Gesicht, mein Kleid, mein E-Book. Model Franziska Knuppe. -Foto: ddp

Literaturnobelpreisträgerin auf dem E-Book – besser kann man eine neue Technik, mit der viele Bibliophile noch auf Kriegsfuß stehen, eigentlich nicht bekannt machen. Gerade kommen die ersten bezahlbaren Geräte zum Speichern und Darstellen elektronischer Buchinhalte mit gut lesbaren Bildschirmen auf den Markt, jetzt fragen sich viele, ob und was überhaupt darauf gelesen werden kann. „Atemschaukel“ zum Beispiel. Das kostenlose Herunterladen des Romans von Nobelpreisträgerin Herta Müller anlässlich der Frankfurter Buchmesse hat beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Donnerstag und am Freitag den Server zusammenbrechen lassen. Die Webseite sei zeitweise nicht mehr erreichbar gewesen, sagte eine Sprecherin des Verbands. Auf der vom Börsenverein geschaffenen Online-Plattform www.libreka.de konnte Müllers Roman heruntergeladen werden. Der Hanser Verlag und der Spitzenverband der Buchbranche will deutschen Lesern das E-Book schmackhaft machen und beim zukunftsträchtigen Verkauf elektronischer Bücher mitmischen.

Ein Volltreffer also? Neben dem Partnerland China sollte das elektronische Buch das bestimmende Thema der Buchmesse sein. Hört man sich unter Autoren um, ist das aber mehr noch eine Diskussion unter Verlegern und Online-Portalen über technische Möglichkeiten und Vertriebswege, als dass es den Alltag und das Bewusstsein der Schriftsteller jetzt schon bestimmt, geschweige denn das der großen Leserschaft. „Auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr wurde viel mehr über E-Books geredet“, sagt Rainer Moritz, der auf der Buchmesse seinen Roman „Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe“ vorstellte. Moritz selber habe mit einem E-Book, dem Sony Reader, gute Erfahrungen gemacht, auch wenn das Lesen als solches „noch keine reine Freude“ sei.

Auch der Schriftsteller Thomas Brussig („Helden wie wir“) hat schon mal ein E-Book getestet und ist kein Freund desselben geworden. „Ein E-Book ist ein Lesegerät und kein Buch.“ Jedes einzelne Buch sei ein individuelles Produkt, ermögliche das Schwelgen im Material. Das E-Book reduziere das Buch auf den Text, „es ist eine Verfälschung“. Das E-Book helfe nur Leuten, die einen Text nutzen wollen, „um eine bestimmte Stelle oder ein Zitat zu finden“. Brussig sagt, obgleich er kein Purist sei, hätte er schon mit Hörbüchern ein Problem: „Hören ist nicht lesen.“ Dem Schriftsteller ist es um das gedruckte Buch nicht bange, das sei nichts Überkommenes, Altmodisches. „Sehen Sie sich nur mal die heutigen Möglichkeiten beim Drucken an. Diese Schärfe und Tiefe bei raffinierten Grafiken beispielsweise in medizinischen Atlanten bekommt kein E-Book, kein PC hin.“ Sollte er sich aber irren, und das E-Book würde doch das Buch ersetzen, dann hat er eine düstere Vision – „das wäre das Ende der Bibliotheken und des Bücherschranks zu Hause“.

Der Journalist und Autor Stefan Aust hatte schon mal ein E-Book in der Hand, „getestet würde ich nicht sagen“. Freilich überlegt er sich die Anschaffung. „Wenn man unterwegs ist, möchte man ja nicht immer zehn Bücher mitschleppen“, sagt der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur, dessen Buch „Deutschland, Deutschland“ dieser Tage erscheint. Noch immer nehme er lieber ein Buch in die Hand, das er ins Regal stellen könne, wobei ein E-Book all die Plackerei beim Umzug mit den Bücherkisten vergessen machen könnte. Jedenfalls werde das E-Book über alle Gattungen hinweg seinen Weg finden, gibt sich Aust überzeugt. Gerne auch mit seinen Büchern, allerdings nur, „wenn meine Autorenrechte eindeutig gewahrt werden“. Was digital sei, könne leicht kopiert und so geklaut werden.

Die Autorenrechte bei den DownloadAktionen auf der Frankfurter Buchmesse seien jedenfalls geklärt, sagt Libreka-Chef Ronald Schild. Der Ansturm auf das Buch von Herta Müller am Donnerstag und Freitag habe alle Erwartungen übertroffen. Genaue Zahlen werden in Absprache mit den Verlagen nicht kommuniziert. „Insgesamt ist der Kunde, der Leser mit dem neuen Medium noch nicht so vertraut, aber vielleicht ist so ein Download-Day hierzulande so etwas wie ein ,Tipping Point‘“, vergleichbar mit dem Start des Amazon-Lesegerätes Kindle auf dem US-Markt (siehe Kasten). Schild rechnet für Deutschland in Sachen E-Book für die nächsten zwölf bis 18 Monate mit ähnlichen Wachstumszahlen wie 2008 in den USA. Dort hatten E-Book-Geschäfte einen Anteil von zwei Prozent am Gesamtumsatz im Buchmarkt. Für dieses Jahr wird mit einer Verdopplung gerechnet.

Wer mit der Literaturnobelpreisträgerin im Internet auf den Geschmack gekommen ist: An diesem Sonntag steht das Buch „Adam und Evelyn“ von Ingo Schulze unter libreka.de zum kostenlosen Download bereit. Das gedruckte Buch kostet bei Amazon 18 Euro.

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