E-Mail statt Soziale Netzwerke : Betreff: Comeback

Die E-Mail galt als Auslaufmodell, gerade mit Erstarken der sozialen Netzwerke und Messenger-Dienste. Nun erlebt die Mail eine Renaissance.

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Zum Federkiel wird es wohl nicht zurück gehen.
Zum Federkiel wird es wohl nicht zurück gehen.Foto: Sebastian Duda Fotolia

Mark Twain hat nie eine E-Mail geschrieben. Vielleicht würde er es heute machen, um mit den zu seinen Lebzeiten kursierenden Gerüchten um sein vermeintliches Ableben aufzuräumen. „Die Nachrichten über meinen Tod sind stark übertrieben“, schrieb er damals, als in einer Zeitung fälschlicherweise davon berichtet wurde, dass Twain das Zeitliche gesegnet habe. Nun war Mark Twain ein Mensch, ein gewitzter noch dazu. Er konnte reagieren. Heute gehört das oben stehende Zitat zu einem der bekanntesten aus seiner Feder.

Von der E-Mail, derer sich Mark Twain heute wohl bedienen würde, um seinen voreilig verbreiteten Tod zu dementieren, ist ein solches Zitat natürlich nicht bekannt. Dabei hätte sie allen Grund dazu. Seit Jahren wird behauptet, dass die E-Mail ausstirbt, dass sie überholt ist, nicht mehr zeitgemäß, dazu unsicher und nervig, gerade in Zeiten der sozialen Netzwerke und Messenger-Dienste. Und das in allen Bereichen. Im Privaten wie im Job. Die Nachrufe auf die E-Mail werden auch deswegen so gern verbreitet, weil sie schon längst tot sein müsste.

Am 03. August 1984 empfing Michael Rotert an der Uni Karlsruhe die erste Mail in Deutschland. „Betreff: Willkommen in CSNET!“ – die orthografische Schludrigkeit erhielt also schon mit der ersten E-Mail Einzug. Zur historischen Einordnung: Zwei Tage zuvor trat in der Bundesrepublik ein Gesetz in Kraft, dass es Autofahrern untersagte, ohne Gurt zu fahren. Im Juli desselben Jahres wechselte der junge Argentinier Diego Armando Maradona für die damalige Rekordablösesumme von 22 Millionen DM von Barcelona nach Neapel. Messi war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal geboren. So lange schon gibt es die E-Mail in Deutschland.

Internetjahre als Hundejahre

Internetjahre werden gern mit Hundejahren gleichgesetzt. Folgt man dieser Annahme, die E-Mail wäre mittlerweile über 210 Jahre alt. Und damit doch bitte schön tot. Das Gegenteil aber ist der Fall. Die E-Mail, sie scheint eine Renaissance zu erleben. Das zeigt der Blick auf die Nutzerzahlen.

Der Branchenverband Bitkom hat in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden, dass 2003 „nur“ 44 Prozent der Deutschen E-Mails verschickten oder empfingen. 2008 waren es dann schon 67 Prozent. Heute sind es 78 Prozent und jeder vierte, der E-Mails nutzt, hat seinen Account erst innerhalb der letzten fünf Jahre eingerichtet. In eben jener Zeit also, in der die Nachrichten über den vermeintlichen Tod der elektronischen Post in den Medien sukzessiv zugenommen haben.

Vielleicht liegt es nicht nur an ihrem Alter, sondern vielmehr an ihrem schlechten Ruf. Die E-Mail verleite zur Lüge – das fanden Forscher der Rutgers University in New Jersey bereits 2010 heraus. Die Kommunikation sei unpersönlicher als etwa die des geschriebenen Briefes, dadurch fühle man sich weniger verpflichtet, moralisch zu handeln.

Außerdem frisst die E-Mail Zeit. Der IT-Dienstleisters Atos hat in einer internen Analyse herausgefunden, dass einige Mitarbeiter bis zu 20 Stunden in der Woche damit beschäftigt seien, E-Mails zu beantworten – die Hälfte ihrer Arbeitszeit. Zwar mag die E-Mail eher zum Lügen verleiten als der geschriebene Brief, ansonsten werden die beiden Kommunikationsmittel gleichbehandelt. Vor der E-Mail kam einmal am Tag der Briefträger vorbei und brachte die Post.

Den Brief erhalten, ihn öffnen und bearbeiten – das war die Kulturtechnik, die für den Brief angewandt wurde. „Vom Brief zur E-Mail scheint es nur ein kleiner Schritt“, sagt Sabria David. Tatsächlich aber seien andere Kulturtechniken nötig. David ist Mitgründerin und Leiterin des Slow Media Instituts, das zu den Auswirkungen und Potenzialen des digitalen Wandels auf Gesellschaft, Arbeit und Medien forscht und berät. „Wir nutzen die E-Mail falsch“, sagt sie. Es gelte, Techniken zu erlernen, um dem Reflex, eine eingehende Mail gleich zu öffnen und zu bearbeiten, zu widerstehen. Während der Arbeitszeit und danach.

„Mail on Holiday“

Denn viele Arbeitnehmer beschweren sich, dass sie durch E-Mails auch privat mit der Arbeit konfrontiert würden. Bei einer Umfrage der IG Metall unter 500 000 Beschäftigen gaben zwölf Prozent an, dass ihr Arbeitgeber von ihnen verlange, auch außerhalb der Arbeitszeiten per Mail erreichbar zu sein. Über 20 Prozent arbeiteten häufig oder ständig während ihrer Freizeit. Dazu kommt, dass viele Arbeitnehmer das Gefühl haben, nicht mehr ihrer eigentlichen Arbeit nachzukommen, weil sie ständig E-Mails bearbeiteten. Es fehle, so David, an der Vermittlung von Kulturtechniken. „In den Unternehmen braucht es ein Umdenken. Nicht die Technik ist das Problem, sondern das Nutzungsverhalten.“

Einige große Unternehmen versuchen etwas zu tun. Bereits 2011 verhängte Volkswagen eine E-Mail-Sperre nach Feierabend – zumindest für die Tarifbeschäftigten. Daimler entlastet seine Mitarbeiter mittlerweile mit „Mail on Holiday“, einem Programm, das Mails während der Abwesenheit löscht und den Absender an den jeweiligen Vertreter verweist.

Mit dem Siegeszug der „Social“-Technologien wie Facebook und WhatsApp und deren ewigem, unversiegbarem Nachrichtenstrom glaubten viele Experten an eine Wachablösung der E-Mail. Auch weil mit einer neuen Generation von Arbeitnehmern eben jene Leute in die Büros einzogen, die diese Technologie im Privaten nutzen. Facebook arbeitet sogar schon an einem Produkt namens „Facebook at Work“, sozusagen ein Chat unter Kollegen. Doch die Zahlen von Bitkom zeigen einen anderen Trend. Gaben Arbeitnehmer 2011 an, am Tag durchschnittlich elf Mails zu erhalten, stieg die Zahl bis 2014 auf 18 an.

Warum große Unternehmen überhaupt noch auf E-Mails setzen statt auf eine andere Art der internen Kommunikation, liegt an einer gewissen Hilflosigkeit. „Viele Unternehmen haben das Problem der E-Mail erkannt, es gibt aber kein erlerntes Problemlösungsverhalten“, sagt David. Zuletzt sei sie in einem Unternehmen gewesen, das statt E-Mail ein Intranet eingerichtet hatte. Allein benutzt hat es niemand.

Voraussagen soll man unbedingt vermeiden

Vielleicht kommt die Lösung von den großen Internetfirmen. IBM Connections, Google Plus und Microsoft Yammer – für ihre Social-Media-Projekte haben die Konzerne eine Menge Geld in Entwicklung und Marketing gesteckt. Allen Investitionen zum Trotz – die E-Mail blieb die beliebteste Kommunikationsplattform.

Ihre Mailprogramme haben die großen Internetakteure in den letzten Jahren vernachlässigt. Doch es zeigt sich ein Umdenken in der Branche: IBM hat 100 Millionen Dollar in das neues Mailprogramm „Verse“ investiert. Google ist mit „Inbox“, einer aufgabenorientierten Erweiterung zu G-Mail, gleichgezogen. Und Microsoft hat sich angeblich für 200 Millionen Dollar das Unternehmen Acompli einverleibt, das bisher eine E-Mail-App für zwei mobile Plattformen entwickelt hat.

Google, Facebook und Co. versuchen also, die E-Mail neu zu erfinden, statt sie einfach zu begraben. Ob die Meldungen über den Tod der E-Mail dadurch abreißen, bleibt abzuwarten. Wehren kann sich die E-Mail sowieso nicht. Im Gegensatz zu Mark Twain. Über Vorhersagen hat der einmal Folgendes geschrieben: „Voraussagen soll man unbedingt vermeiden, besonders solche über die Zukunft.“ Das gilt für den Tod eines Schriftstellers genauso wie für den Tod eines Kommunikationsmittels.

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