Medien : Eifersucht auf Italienisch

Henry Hübchen bekommt heute den Grimme-Preis, doch er redet lieber über etwas anderes: Frank Castorf

Gunnar Decker

Eggers-Landwehr in der Rosa-Luxemburg-Straße ist ein Café-Buchladen im Volksbühnenstil. Ein unbekümmerter Stilmix, wo die Bücher in Fleischtheken liegen. Vom „Methusalemkomplott“ könnte man ja mal hundert Gramm probieren. Bis Henry Hübchen, der Frontmann der Volksbühne kommt, wird es dauern. Hübchen ist notorisch unpünktlich, sagt er selbst. Außerdem ist er faul, geizig und gefräßig. Das sagt sein Freund und Regisseur Frank Castorf. Solche Freunde braucht man.

Natürlich kommt Hübchen pünktlich. Denn die erste Grundregel des Erfolgs ist, immer die Erwartungen anderer zu unterlaufen. Hunger hat er im Moment auch überhaupt nicht, und beim Cappuccino zückt er sofort sein Portemonnaie.

Warum sagt der Castorf so was über ihn? Das ist so seine Art Anerkennung auszudrücken, sagt Hübchen und schaut dabei so unschuldig, als glaubte er sich jedes Wort. Als Hübchen wieder einmal von „Theater heute“ zum Schauspieler des Jahres gewählt wurde, hielt Castorf die Rede auf Hübchen und die fiel sehr volksbühnenmäßig aus. Bloß kein falsches Pathos! Das ist die unsentimentale Zärtlichkeit unter Männern.

Sucht man nach dem Volksbühnenschauspieler schlechthin, fällt einem immer zuerst Hübchen ein. Obwohl er vieles andere macht: zum Beispiel im Schweriner „Polizeiruf 110“ ermittelt, für seine Rolle des Kommissars Törner erhält er heute abend den Grimme-Preis. Doch man identifiziert ihn mit der Volksbühne, weil er wie kein zweiter das dort herrschende Lustprinzip verkörpert: Autonom ist, wer nur macht, wozu er Lust hat. Bei Hübchen stimmte das immer schon. Darin blieb er bis heute wehrhaft.

Seit dreißig Jahren an der Volksbühne, hat er schon mit Karge/Langhoff gearbeitet und mit Benno Besson. Als die Anfang der 80er weg waren, mochte er nicht mehr. Die Unlust stand ihm so ins Gesicht geschrieben, dass fast keiner mehr wagte, das Ensemblemitglied Hübchen zur Arbeit bitten. Hübchen hatte auch so genug zu tun. Drehte einen Film nach dem anderen fürs DDR-Fernsehen und ging surfen. Das hieß in der DDR Brettsegeln und Hübchen wurde darin gleich zwei Mal DDR-Meister. Surft er noch? „Nö, ich hab ein Segelboot, da kann ich sitzen, das ist bequemer.“

Mitte der 80er kam doch noch einer, der ihm wieder Lust aufs Theater machte: Frank Castorf. Das heißt, Castorf kommt bis heute zu niemandem, er arrangiert Zufälle oder lässt Kryptisches über Dritte ausrichten. Damals traf man sich bei ihrer gemeinsamen Freundin Gabriele Gysi. Heute kämpfen beide pointenreich um die Deutungshoheit dieser gemeinsamen Anfänge – und spinnen so jeweils an der Legende des anderen. Ein eingespieltes Team. Doch wer genauer hinhört, kann sich vorstellen, wie explosiv dieses Gemisch Castorf-Hübchen damals schon war. Hübchen: „Ich kannte ihn bloß als nichtstuenden, immer fröstelnden, spitznasigen, an der aufgedrehten Gasheizung sitzenden Brillenträger.“ Im Gegenzug denkt Castorf an den „ebenfalls arbeitsscheuen Fernsehschauspieler Hübchen“, der keinen Alkohol trank (Brettsegelmeister!), was seine Verachtung mehrte.

Als Castorf im Jahr 1985 in Anklam „Nora 85“ inszenierte, holte er das erste Mal Henry Hübchen. Der besteht bis heute auf der Entsagung, die in seinem Gang nach Anklam lag. Hübchen sagte damals die lukrative Fernsehserie „Zur See“ mit Horst Drinda ab. Castorf rechnet anders: 140 Mark habe das unverschämte Hübchen als Abendgage verlangt. Allerdings wurde Castorfs „Nora“ dann nur drei- oder viermal gespielt. Genau weiß das nicht einmal „IM Dario Fo“, der die seltsame Anklamer Hassliebe zwischen Castorf und Hübchen (operativer Vorgang „Othello“) pflichtgemäß beobachtete. Sicher ist nur, der Bürgermeister ging während der Premiere, und der Direktor des Heimatmuseums befand, er käme nicht ins Theater, um sich minutenlang Scheiße-Rufe von der Bühne anzuhören. Manche Dinge im Theaterleben bleiben dann doch konstant.

Dauerthema Castorf. Schon vor zehn Jahren stichelte Hübchen, der Castorf wird langsam alt, der Erfolg macht ihn faul. Und heute, fasziniert ihn da noch was an Castorf? Hübchen zuckt ostentativ zurück. Seine Antwort fällt ungefähr so aus wie die von Hannelore Elsner in „Alles auf Zucker“, in dem Hübchen Elsners Ehemann spielt. Jackie Zuckers zaghafte Gegenwehr gegen die Rauswurfankündigung, aber er sei doch ihr Mann, wischt sie einfach beiseite: Nun übertreib mal nicht gleich! Gut, also Faszination wäre übertrieben. Castorf, sagt Hübchen, hat eine Schweinementalität, er kann alles verwerten. Aber warum reden wir eigentlich immerzu über Castorf? Gegenfrage: Warum arbeitet Hübchen an der Volksbühne denn ausschließlich mit Castorf als Regisseur? Weil man mit ihm über Selbstverständliches nicht mehr groß reden muss, man kann sich auf die Arbeit konzentrieren. Versuchen wir also, über etwas anderes zu reden als über Castorf.

Reden wir über Hübchens Glanzrolle als Jackie Zucker in Daniel Levis Kinohit „Alles auf Zucker“. Als Castorf Jackie Zucker sah, rief er: „Das bin ja ich!“ Das ist schon ziemlich notorisch. Irgendwie scheint es eine Art Eifersucht auf Italienisch zwischen Hübchen und Castorf zu geben, wo man immer gleichzeitig bewässert und Wasser abgräbt. Wie erotisch ist der Verrat? Das spielen die beiden immer wieder durch. Man zockt immer, stellt den anderen erst bloß, um ihn dann energisch gegen jede Bloßstellung in Schutz zu nehmen. Lebenslängliche Beziehungen funktionieren wohl nicht anders. Beide sind sie wie Jackie Zucker, ein bisschen paranoid, aber nur ein bisschen. Beide haben eine professionelle Lust entwickelt, Ostaltlasten zu sein und den Westen immer wieder mit ihren alten Geschichten zu nerven.

Film reizt mich im Moment ohnehin mehr als Theater, sagt Hübchen versonnen, wohlwissend, dass der notorisch untreu-eifersüchtige Castorf solche Sätze aufpickt wie eine ausgehungerte Taube. Soll er leiden!

Man könnte mit Hübchen außer über Castorf auch darüber reden, dass er schon im DDR-Fernsehen ein Kinderstar war. Was er da gemacht hat? Pioniernachrichten verlesen und so. In Adlershof gab es damals ein Casino (keine Kantine!), wo die Regisseure in ihre roten Schals gewickelt in bequemen Sesseln herumlungerten. Das hat Hübchen gleich gefallen. Das und Marcello Mastroianni. Den liebt er bis heute wie keinen anderen. Denn der ist kein billiger Casanova, sondern ein Virtuose des erotischen Unterwegs, der Verführung zu einer Intensität, die ohne vordergründiges Ziel ist. Eine Erotik der Schwäche! So was reizt Hübchen. Man könnte mit ihm auch über Hübchen als erfolgreichen Komponisten reden, der einst mit Toni Krahls „City“ die Platte „Casablanca“ gemacht hat. Könnte man alles, wenn es Castorf nicht gäbe.

Die Verleihung der Grimme-Preise zeigt 3sat heute Abend um 22 Uhr 25.

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