Medien : Ein Bayer für die Saar

Talent versus Type: Maximilian Brückner beerbt Jochen Senf als Saarbrücker „Tatort“-Kommissar

Barbara Nolte

Der erste Eindruck: Maximilian Brückner ist der Tom Buhrow unter den „Tatort“-Kommissaren. Die gleiche blonde Haarfarbe, die helle Haut. Blass durch und durch. Menschen wie Buhrow und Brückner können in Zügen getrost den Mund halten, wenn der Fahrkartenkontrolleur fragt: „Noch jemand zugestiegen?“ Er wird sich niemals erinnern, ob er sie schon kontrolliert hat oder nicht.

Nun ist diese besondere Eignung zum Schwarzfahren eben gerade keine fürs Fernsehen. Das Fernsehen verlangt von seinen Protagonisten, dass ihr Äußeres etwas Besonderes verspricht. Ihre Persönlichkeit muss es gar nicht einlösen, sie tut es auch in den seltensten Fällen, was man bei Schauspieler-Interviews immer wieder feststellt. Dass das Oberflächenmedium Fernsehen im Fall von Buhrow und Brückner eine Ausnahme gemacht hat – der eine moderiert seit September die „Tagesthemen“, der andere ermittelt von heute an für den Saarländischen Rundfunk in Deutschlands prestigereichster Krimireihe –, wird beide Male mit ihrer besonderen Kompetenz begründet.

Der Saarländische Rundfunk scheint es sich bei der Neubesetzung der Kommissarrolle sogar zum Prinzip gemacht zu haben: Talent gegen Type. Maximilian Brückner hat eine längere Liste an Filmen, Theaterstücken, Preisen als sein Vorgänger Jochen Senf. Dabei ist Brückner erst vier Jahre im Geschäft, Senf geschätzte vierzig Jahre. Dafür hat Senf eine lustige Knollnase, er hat eine unnachahmliche kauzige Art. Für die Rolle als Saarbrücker Kommissar Palu hatten sie ihn auf ein Fahrrad gesetzt und ihm noch ein Baguette unter den Arm geklemmt. So war er unter den „Tatort“-Polizisten wirklich unverwechselbar. Und das in einem Kollegenkreis, der während seiner 18-jährigen Amtszeit immer größer wurde. Lauter neue Kommissare in Kiel, Münster, Hannover – der „Tatort“ ist eigentlich ein Fall für die Föderalismusreform. In dieser Unübersichtlichkeit muss sich Maximilian Brückner bewähren. Da braucht er wenigstens ein bisschen PR zu Beginn. So versteht man gut, warum er in dieser Woche nach einem harten Drehtag noch Telefoninterviews gibt.

Die Vorwahl: 0681. Brückner ist also in Saarbrücken. „Hallo“, sagt er. Seine Stimme tonlos. Er wirkt k.o. Es ist 20 Uhr 30. „Ich bin erst vor ein paar Minuten zurückgekommen“, sagt er. Sie drehen bereits an der zweiten „Tatort“-Folge. Brückner hat sich eine Suppe aufs Hotelzimmer bestellt. Gleich guckt er sich noch den Text von morgen durch, dann schläft er, um sieben Uhr muss er raus. „Morgen drehen wir am Rechberg“, sagt er. „Ich weiß nicht, wo das ist. Ich kenne mich hier nicht so aus.“

Brückner kommt aus Bayern, aus Riedering im Chiemgau. „Die Berge sind da, der See, gute Luft“, sagt er. Brückner wohnt auf einem Bauernhof. Sieben Geschwister, neun Ponys – sein Leben erfüllt so einige Bayernklischees. Im Saarland war er dafür vor dem ersten „Tatort“-Drehtag noch nie. „Leider“, sagt er höflich.

Das ist das Neue am „Tatort“-Relaunch: dass die Hauptfigur ein Zugereister ist. Bislang galten für den SR-Krimi immer Artenschutzaspekte. Die Saarländer sind ja nur so wenige, ihre ARD-Sendeanstalt ist so klein, dass sie sich nur an diesem einen Termin im Jahr in der Primetime des ersten Programms exponieren darf. So wurden früher die Rollen des Hauptkommissars, seines Assistenten Stefan Deiniger und der Sekretärin Gerda Braun selbstverständlich mit Einheimischen besetzt; neben Jochen Senf mit Gregor Weber und Alice Hoffmann. Weber und Hoffmann spielten schon den Sohn und die Ehefrau des Komikers Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker, der das Bild des Saarländers mindestens genauso geprägt hat wie Max Palu.

Der Saarländische Rundfunk hat seine neue Vorzeigefigur nicht zum Dialektcoach geschickt. Maximilian Brückners bayerische Biografie wurde vielmehr in die Rolle eingebaut. Ähnlich ortsunkundig wie Brückner selbst – der Rechberg heißt in Wahrheit Eschberg – kurvt Neu-Kommissar Franz Kappl durch die Straßen von Saarbrücken, um das Kommissariat zu finden, in das er von Traunstein aus versetzt worden ist. Dort herrscht schlechte Stimmung: Palu-Assistent Stefan Deininger hatte damit gerechnet, auf die Stelle seines pensionierten Chefs aufzurücken. Doch sie haben ihm „einen Schülerlotsen aus Bayern“ vor die Nase gesetzt, wie er sich beschwert. Und auch hier ähneln sich Film und Wirklichkeit: Auch Brückner hat schon miterlebt, was es heißt, wenn ein Saarländer beleidigt ist, dem man den Job wegnimmt.

Denn Jochen Senf hat mit allen Mitteln darum gekämpft, zu bleiben, dabei gegen seine Vorgesetzten bei SR kräftig ausgeteilt: Er werde stillos abserviert, die zuständige Redakteurin habe keine Ahnung … Es war eine Posse, die vergangenes Jahr großflächig auf den Medienseiten der Republik ausgetragen wurde. „Mich interessiert das, ehrlich gesagt, nicht“, sagt Brückner. Seinen Vorgänger habe er eigentlich „überhaupt nicht im Kopf“, den saarländischen „Tatort“ sowieso erst einmal gesehen. „Ich gucke grundsätzlich sehr wenig fern.“ So unbedarft wie ins Saarland kommt er auch in die „Tatort“-Welt.

Der Autor Fred Breinersdorfer hat ihn mitgebracht. Breinersdorfer hat das Drehbuch zum Spielfilm „Sophie Scholl“ geschrieben, in dem Brückner die kleine Rolle des Widerstandskämpfers Willi Graf spielte. Breinersdorfer verantwortet zusammen mit seiner Tochter Léonie-Claire die Neukonzeption des Saarland-„Tatortes“. Sie haben den Krimi geerdet, der zuvor politisch ambitioniert, aber manchmal etwas hanebüchen geriet. Kappls erster Fall ist ein Mord an einer Kollegin. Motiv: Eifersucht. Ganz klassisch. Zum neuen schlichten Stil passt auch Brückner als junger ambitionierter Hauptkommissar, der tatsächlich auf seine dezente Art sehr sympathisch wirkt.

„Es war für mich wichtig, dass der ,Tatort’ nur ein- oder zweimal im Jahr kommt. Ich drehe sehr viel Film, spiele viel Theater, was ich nicht aufgeben will“, sagt Brückner. Für Schauspieler sind die Kommissarrollen bei kleinen ARD-Sendern besonders praktisch. Sie stiften Kontinuität, trotzdem wird man nicht auf die Rolle festgelegt. Denn das ist Rache des Fernsehens an seinen Besten. Unter den „Tatort“-Kommissaren bekam das vor allem Götz George als Schimanski zu spüren. Maximilian Brückner schützt davor nicht nur der seltene Rhythmus des saarländischen „Tatorts“, sondern auch seine Blässe.

„Tatort: Aus der Traum“: ARD 20 Uhr 15

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