Medien : Ein bisschen Angst ist immer dabei

Leise, fast unmerklich ist die Schauspielerin Katrin Saß zum deutschen Filmstar geworden. Eine Begegnung

Carla Woter

Berlin, Unter den Linden. Katrin Saß stürmt ins Café Einstein, leicht aufgelöst. Entschuldigt sich tausendmal. Jemanden warten lassen ist ihr unangenehm. Eine halbe Stunde lang hat sie einen Parkplatz gesucht, das ist sie nicht gewohnt. Die Schauspielerin lebt auf dem Lande, irgendwo an einem kleinen See im tiefen Mecklenburg-Vorpommern. Zum Trost für die urbane Aufregung gönnt sie sich ein großes Stück Käsekuchen, genießt den Milchkaffee, lehnt sich zurück. Das Gespräch kann beginnen. Zeit und Lust zu reden, hat sie jedenfalls reichlich. Sie ist zierlich, modisch in Schwarz gekleidet und leicht geschminkt. „Ich dachte, es wäre in Fotograf dabei“, sagt sie leicht verlegen, als müsste sie die schicke Aufmachung erklären.

Gerade wurde sie auf der Berlinale gefeiert – mit „Mutterseelenallein“, einem Film über eine Frau, deren Sohn ein Mörder ist. Im Herbst kommt er ins Kino. Wenn die 48-Jährige, die mit „Good bye Lenin“ bekannt, aber nicht unbedingt berühmt wurde, schildert, wie sie über den roten Teppich läuft und die Fotografen „Katrin, Katrin“ brüllen, hat sie etwas Junges und Beschützenswertes. Ein Star ist sie nicht. Sie erzählt, wie sie mit ihrem Kollegen Daniel Brühl am Flughafen steht, und die Leute tuscheln: „Guck mal, das ist doch dieser Daniel Brühl.“ Kein Wort von ihr. So lange man nicht zu ihr sagt: „Und sind Sie nicht Eva Mattes?“ – ist es gut.Dabei hat sie ein unverwechselbares Gesicht, eine klare Stimme. Und sie kann was.

Katrin Saß war ein schüchternes, dünnes Kind, das sich vorwiegend von Süßigkeiten ernährte und vor dem Sportunterricht Angst hatte. Sie war umgeben von vielen Geschwistern, die allesamt robust und anders waren. Sie rührt in ihrem Milchkaffee und erinnert sich: „Ich sah armselig und traurig aus und dachte: Die Welt ist gegen mich, keiner mag mich.“ Trotzdem oder besser gerade deshalb, stand für sie eins fest: Sie will Schauspielerin werden wie ihre Mutter. „Mich hat das angezogen, diese Gerüche im Theater, dieser Gestank im Fundus. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich das überhaupt kann – spielen.“ Sie versuchte es. Wenn sie spielt, hat sie keine Angst mehr, das spürt sie instinktiv. Ihre Mutter ist ihre erste Heldin. „Sie war eine Art Heidi Kabel des Ostens. Und ich wollte aussehen wie sie, riechen wie sie, alles machen wie sie!“

Da Katrin Saß nur die zehnte Klasse abgeschlossen hat, muss sie zunächst einen „anständigen“ Beruf lernen. Warum auch immer, wird sie Telefonistin, bewirbt sich nebenbei an Schauspielschulen, fällt durch. „Ich hatte Panik vor der theoretischen Prüfung, vor allem vor Marxismus- Leninismus, das war die Hölle. Die Praxis war nie schlimm.“ Eines Tages schafft sie es doch. Defa-Regisseur Heiner Carow entdeckt die Schauspielschülerin, will sie als Hauptdarstellerin. Die Welt beginnt sich zu drehen. Katrin mitten im Karussell.

1982 bekommt sie den Silbernen Bären für ihre Darstellung einer allein stehenden Mutter, die um ihre Kinder kämpft. Der Film hieß „Bürgschaft für ein Jahr“. Zurück am Theater in Halle kann sie nicht mehr sagen, ob sie im Zoopalast neben Michel Piccolo oder Piccoli gestanden hat. Das fanden alle sehr lustig und sie auch. Sie will geliebt werden, und sei es wegen einer Pointe. Diese Episode und überhaupt ihr gesamtes Leben ist wundervoll nachzulesen in ihrer Autobiographie „Das Glück wird niemals alt“. Die Saß-Variante von „carpe diem“. Eine Lebensbeichte ohne Schnörkel, keine inszenierte Künstlerbiografie, vielmehr ein Aufsatz in Überlänge, aufgeschrieben von einer Frau, die zu ihren Niederlagen und Schwächen steht.

Denn damals, in den frühen Achtzigern, fing es an. Hier und da ein Bier oder Sekt, damit sie lockerer wurde, damit sie sich leichter fühlte. Der Kampf mit dem Alkohol sollte ein dramatischer Prozess von mehr als 20 Jahren werden. Immer wieder kommt sie im Gespräch darauf zurück. Dabei will sie eigentlich gar nicht mehr darüber reden. „Das sieht ja so aus, als würde ich damit hausieren gehen.“ Das will sie nicht. Aber: Sie war ganz unten und hat sich wieder hochgerappelt, so was will man erzählen. Und das tut sie in der Autobiographie. Seit sieben Jahren ist die Schauspielerin trocken. Ihre Furcht ist geblieben, der Feind könnte schon in der nächsten Praline stecken. Das ist ihr immer bewusst. Sie formuliert es anders: „Wer nie am Abgrund war, dem wachsen keine Flügel.“

Lange Zeit sah die Welt nicht rosig aus. „Nach der Wende habe ich gekündigt am Theater, ich dachte, freier Markt bedeutet viele Rollen, ich sah mich in Italien und Frankreich drehen. Von wegen. Nichts! Und ich konnte ja nicht sagen: „Hallo, ich komme aus dem Osten, bin Schauspielerin, ich kann das.“ Sie war einfach nicht gefragt, machte eine Pause. Mehr als eine Pause. Zehn Jahre hat sie nicht viel gespielt. Ihre Zeit als „Polizeiruf“-Kommissarin Tanja Voigt zählt sie dabei nicht richtig mit.

„Im Moment führe ich das schönste Leben“, sagt sie. Ihre Angebote sind gut, aber auch da ist sie ehrlich: „In meinem Alter kann ich nichts mehr so leicht ablehnen.“ Dennoch, spielt sie nur Frauen, die ihr entsprechen. Und sie spielt sie so, wie sie selbst ist. Das macht sie authentisch, man könnte auch sagen – unverwechselbar. „Verletzliche Typen, die sich durchkämpfen. Das ist meins,“ sagt sie. Keine Femmes fatales, keine Zicken. „Das langweilt mich.“ Unvergesslich spielte sie etwa „Heidi M.“ eine verlassene Ehefrau, die einen kleinen Laden hat und noch mal das große, kleine Glück erlebt. Es war ihr großes Comeback nach den Jahren der Abstinenz. Und dann kam Lenin und ihre Rolle der Alt-Kommunistin, die im Koma die Wende verpasst, plötzlich erwacht und durch eine neue Welt geistert.

Auch in dem ARD-Film „Bloch – Ein krankes Herz“ an der Seite von Dieter Pfaff ist sie eine fragile Frau, die mit dem Leben nicht zurecht kommt und sich in eine Scheinwelt flüchtet. „Eine verrückte Frau“, nennt sie das. Zum Schluss des Films sagt sie: „Danke, jetzt ist alles gut.“ Und an einer anderen Stelle fragt sie: „Gehen wir jetzt nach Hause?“ Da möchte man sie fast an die Hand nehmen, so schön sagt sie das.

Und Komödienrollen? „Da bin ich skeptisch“, sagt sie. Verständlich. Komisch – das ist nicht ihr Fach. Aber sie lacht gern. Und dennoch strahlt sie immer etwas Wehmütiges aus. Schluss damit. Katrin Saß kann auch anders, und das würde man ihr nicht zutrauen: Sie schmettert gern drauf los. Im Herbst gibt sie einen Liederabend in der „Bar jeder Vernunft“. „Die Saß ist wie eine Musicbox“, hat mal ein Freund über sie gesagt, erzählt sie. „Groschen rein und los.“ Das hat ihr gefallen, das hat sie sich gemerkt.

Katrin Saß ist heute in der ARD, 20 Uhr 15, in „Bloch – Ein krankes Herz“ zu sehen.

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