Medien : Ein bisschen Foltern

„Eine Frage des Gewissens“ – grandioser Film über ein moralisches Dilemma

Barbara Sichtermann

Eigentlich sind Thesen-Filme out. Man will dem Unterhaltungsmedium Fernsehen keine Lehrkompetenz mehr zubilligen außer natürlich bei Reportagen und Wissensmagazinen. Die Movies aber sollen keine Weisheiten transportieren, und die einzig erlaubte Moral ist die ästhetische. Der Zuschauer, so wird unterstellt, ist mündig, er macht sich sein eigenes Bild. Also weg mit allem, was aussieht wie ein Zeigefinger.

Ausnahmen gibt es aber doch. Und die beweisen, dass es sich beim Lehrstück um einen Genre-Klassiker handelt, der immer wieder zurückkommt. Und dass der Transport einer These im TV-Movie weder was mit Langeweile noch mit Besserwisserei zu tun haben muss.

So auch in dem Film: „Eine Frage des Gewissens“ (Buch: Thomas Bohn und Rafael Solá Ferrer, Regie: Thomas Bohn), der an die Affäre um den entführten Metzler-Sohn und den Polizeivizepräsidenten Daschner anknüpft und eine alte Frage neu stellt: Darf der Gesetzeshüter das Gesetz brechen, um Leben zu retten? „Aussageerpressung“ heißt das, wenn einem Verdächtigen Gewalt angedroht oder angetan wird, man nennt es auch Folter. „Das Folterverbot ist von fundamentaler Bedeutung“, weiß in „Frage des Gewissens“ der Kommissar Sanden, es berührt das wichtigste Grundrecht: dass die Menschenwürde unantastbar sei. Aber ist das Leben eines siebenjährigen Mädchens antastbar, das, auf dem Weg zur Schule, von der Straße weg geraubt, in einen Transporter verfrachtet und in einem Bauwagen versteckt wird? Der Menschenräuber wird beobachtet, die Nummer des Autos erkannt, ein Verdächtiger ist schnell gefasst. Polizist Martin Beltz (Christian Berkel) verhört ihn.

Beltz denkt nicht über Menschenwürde und Folterverbot nach, als sein Gegenüber schweigt und grinst. Er schickt seinen Kollegen raus, zieht seine Jacke aus und stürzt sich auf den Delinquenten. Der Zuschauer stellt fest, dass er ihm eigentlich bloß den Arm umdreht, bisschen heftig zwar, aber Daumenschrauben sind das nicht. Doch es wirkt. Der Verdächtige brüllt vor Schmerz und spuckt die Information – den Aufenthaltsort des Mädchens – aus. Beltz und seine Mannen laufen los, finden das Mädchen und alles wird gut. Beltz ist der Held des Tages, die Boulevardpresse feiert ihn und die schöne Mutter (Nadeshda Brennicke) des geretteten Kindes will für ihn kochen.

Doch dann… Beltz’ Vorgesetzter Sanden hat den Entführer brüllen hören. Er sammelt ihn vom Boden auf, ruft den Notarzt. Und stellt den Untergebenen zur Rede: „Du hast eine Grenze überschritten, die gerade ein Polizist nie überschreiten darf.“ Es folgt das gerichtliche Nachspiel. Auf Aussageerpressung stehen hohe Strafen. Beltz kommt mit Bewährung davon. Aber er ist seinen Job los, seine Kollegen, sein Selbstvertrauen, sein Wertesystem. Was war falsch daran, das Leben eines kleinen Mädchens zu retten? Innerhalb weniger Tage hat der kühne Retter alles verloren. Und er hatte es doch gut gemeint und gut gemacht.

Der Film, eine seltene Mischung aus Thriller und Kammerspiel, ist bravourös inszeniert. Regisseur Bohn geht es nicht um die große Show vor Gericht, sondern um das Innenleben seiner Protagonisten, ihre Zerrissenheit, ihre Selbstzweifel. Christian Berkel, als Spezialist für Männer in Schwierigkeiten manchmal gewöhnungsbedürftig, ist diesmal glänzend: wie er draufhaut, um die Siebenjährige, die auch noch Diabetes hat und ohne ihr Medikament dem Tode geweiht ist, dem Leben zurückzugeben, wie er’s nicht fassen kann, als sein Chef zu ihm sagt: So nicht!, wie er schließlich, immer faltiger, bärtiger und düsterer, am Telefon um einen Job bettelt: Das ist Schauspielkunst. Und wie Nadeshda Brennicke die sanfte Mutter spielt, wie sie es nicht erträgt, als Beltz, den sie inzwischen liebt, bei einer privaten Security-Agentur anheuert (super als deren zynische Chefin: Nina Petri), das ist eine feine, unauffällige und deshalb umso überzeugendere Leistung.

Ja, und die These? Was ist es, das wir lernen sollen? Zu akzeptieren, dass es das gibt: ein unauflösliches Dilemma. Dem Übeltäter an den Kragen gehen, um ein Leben zu retten, das würde jeder tun, der Mumm in den Knochen hat. Ein Polizist aber darf es nicht, denn er vertritt das Gesetz. „Es gibt im Leben Situationen, in denen man nur falsch handeln kann und dennoch handeln muss.“ Am Schluss stehen Chef Sanden und sein geschasster Ex-Kollege sich gegenüber. Beltz sagt, dass er alles noch mal genauso machen würde. Sanden: „Ich weiß, mein Freund. Und ich auch.“ Es gibt nicht nur das geschriebene Gesetz, sondern auch das gefühlte. Und das gerät mit dem geschriebenen immer mal wieder in Konflikt. Eine Lösung existiert nicht. Nur Geschichten um Menschen wie Antigone und Kreon, Daschner und die deutsche Öffentlichkeit, Beltz und Sanden.

„Eine Frage des Gewissens“:

ARD, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar