Medien : Ein Denkmal wird poliert

Günter Grass wird 80 – das Fernsehen feiert

Simone Schellhammer

Als er zum ersten Mal die Geschichte des Oskar Matzerath las, dachte Marcel Reich-Ranicki: „Aus diesem Roman wird gar nichts werden.“ Das war 1958, und der noch unbekannte Günter Grass hatte den 38-jährigen Reich-Ranicki in Polen aufgesucht. Im Film „Günter Grass – Die Blechtrommel-Story“, heute auf 3sat, verkündet der Kritiker nun stolz, dass er als Erster öffentlich den Nobelpreis für Grass gefordert habe. Das ist einer der amüsanteren Momente in Wilfried Haukes Dokumentation, die 2004 begann.

Damals sollte es allein um die Entstehung der „Blechtrommel“ und die frühen Jahre in der Düsseldorfer Bohème und im Pariser Hinterhof gehen, wo das Manuskript von 1956 bis 1959 entstand. So besucht der Autor mit dem fast 80-jährigen Grass den elterlichen Kolonialwarenladen in Danzig, die Pariser Wohnung, wo Grass schrieb, während seine erste Frau Anna mit Zwillingen schwanger war. Die Fotos des blutjungen Künstlers hätten ein nostalgisches Album abgegeben. Doch im Sommer 2006 berichtete Grass, der stets gegen das Verschweigen der Nazivergangenheit gewettert hatte, dass er in den letzten Tagen des Krieges in die Waffen-SS eingetreten war. „Zunächst standen wir wie vor einem Scherbenhaufen“, sagt Hauke. Doch dann kam die filmische Lösung: Literaturkritiker wie Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki fassen die Debatte zusammen. Grass selbst sagt nur, er habe nie einen Hehl daraus gemacht, wie verführt er in jungen Jahren war. So kärglich diese Auskünfte, so üppig sind die Einspielungen aus Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“-Verfilmung. Die ARD zeigt den einst als jugendgefährdend eingestuften Film am 16. Oktober, dem Grass-Geburtstag. Eine weitere Dokumentation ist am 14. Oktober im ZDF unter dem Titel „Günter Grass – Der Unbequeme“ zu sehen. Sie beginnt bei der Entstehung seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“, geht aber ebenso zahm mit dem Skandal des letzten Jahres um wie „Die Blechtrommel-Story“. Immerhin gelingt es den Autorinnen, den Medienprofi Grass in privateren Situationen zu zeigen: mit seiner zweiten Frau Ute, seiner jüngsten Tochter, der Schauspielerin Helene Grass, und seinem Göttinger Verleger Gerhard Steidl. In Göttingen findet am 20. Oktober auch eine Geburtstagsrevue zu Ehren von Grass statt, die das ZDF aufzeichnet und einen Tag später zeigt. Caren Miosga moderiert, Ehrengäste wie John Irving, Volker Schlöndorff und Marius Müller-Westernhagen feiern – allerdings ohne das Geburtstagskind. Simone Schellhammer

13.10. „Günter Grass – Die Blechtrommel-Story“, 22 Uhr 05, 3sat (Wiederholung am 15.10, 23 Uhr 45, NDR)

14.10. „Der Unbequeme – Der Dichter Günter Grass“, 23 Uhr 40, ZDF

16.10. „Die Blechtrommel“, 0 Uhr 50, ARD

21.10. „Göttingen feiert Günter Grass“, 11 Uhr 30, 3sat und NDR

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