Medien : Ein Dschungel für Berlin

Uta-Maria Heim

findet, dass in einer Fusion für Kulturradios auch eine Chance liegt

Wer denkt bei der Auseinandersetzung um die künftigen Kultursender in Berlin an die Frauen und Männer, die Kulturradio machen? Also an die Redakteure, Regisseure, Techniker, Toningenieure, Komponisten und Schauspieler? Und wer denkt an die Autoren? Die Autoren – das sind die, die man nicht sieht und ohne die nichts geht.

Berlin hat die größte Autorendichte Deutschlands. Die Hauptstadt kann die vielen Hörfunkautoren schon lange nicht mehr ernähren. Sie sind einfach zu zahlreich, und niemand hat sie eingeladen. Die Gleichgültigkeit der Berliner Funkhäuser hat daher durchaus ihre Logik: Das Dach ist dicht, wozu noch Dichter? Besonders schwer haben es Berlin-Themen: Das liegt womöglich einfach daran, dass die Stadt genug von sich selbst hat.

Viele Berliner Autoren arbeiten deshalb für westdeutsche ARD-Anstalten. Häufig machen sie auch Beiträge für die Kulturprogramme des Südwestrundfunks – die Redaktionen von SWR 2 sitzen in Baden-Baden und Stuttgart. Dort ist man neugierig und heimlich stolz auf die Exoten aus der Hauptstadt, und über den tiefsten Südwesten gelangen Berlin-Themen manchmal wieder in die Heimat zurück. Denn SWR 2 kann man in Berlin auf Kabel empfangen, und es gibt von dort viel Resonanz.

Besonders beliebt ist zum Beispiel der „Dschungel“ (montags bis freitags 14 Uhr 05 bis 15 Uhr): eine aktuelle, verspielte, spannende und sehr bunte Sendestrecke für alle, die es aufgegeben haben, zwischen E- und U-Kultur zu unterscheiden. Absolut bahnbrechend sind die erzählerischen Entdeckungsreisen, die mutigen Musikzusammenstellungen, und herrlich schräg kommt das vierzehntägige „Dschungel“-Magazin „Machete“ daher (weitere Infos unter www.swr.de /swr2/sendungen/dschungel/).

Vorbild Südwest

Der „Dschungel“ wurde übrigens eingerichtet, als der Südwestfunk vor genau fünf Jahren mit dem Süddeutschen Rundfunk zum Südwestrundfunk fusionierte. Elemente verschiedener Vorformen hat man dabei aufgegriffen und weiterentwickelt. Der „Dschungel“ besticht durch seinen Mix. Vielleicht könnte diese Idee auch anregend sein für andere Sender?

Stichwort Klasse statt Masse: Das Kulturradio war immer ein Programm für Minderheiten. Wer in der Einschaltquote die einzige Berechtigung dafür sucht, dass eine ästhetische Ausdrucksform weiterhin finanziert wird, der kann kaum für die Kulturprogramme sein. Aber bei dieser Diskussion wird leider vergessen, worum es eigentlich geht: Das Kulturradio bietet seit der Digitalisierung der Technik mehr denn je die Chance, kleinteilige Produktionen rasch und radiophon zu verwirklichen.

Gutes Radio macht glücklich

Sollen wir es uns nehmen lassen, Hörspiele, Features, Collagen und jede Menge Mischformen herzustellen, die während der Produktion und hinterher beim Anhören glücklich machen? Sie machen deshalb glücklich, weil sie eine eigene akustische Magie entwickeln. Ein inspiriertes Team hat im Studio daran gebastelt, bis jeder Satz sitzt, jede Klangnuance passt und jede Pause stimmt. Das Glück des lustvollen, exakten Horchens vermittelt sich dem Radiohörer durchaus. Und eine künstlerische Produktion, die in der Tongebung perfekt ist, hält diese Qualität noch nach jahrelanger Distanz.

Das Kulturradio war nie so gut wie heute. Hier wird nichts verdinglicht, zerfasert, zugerichtet. Das Hör-Ergebnis hat immer einen akustischen Mehrwert, es reicht stets über die krude Alltagsrealität hinaus. Das mag nicht in jeder Sendung glücken, doch das Kulturprogramm ist niemals leidenschaftslos oder langweilig.

Wobei ich natürlich nicht weiß, wie das in Berlin ist. In den vier Jahren, in denen ich dort wohnte, stand ich zwar voller Erwartung draußen vor der Hörfunk-Tür und hab gelauscht, aber ich habe einfach nicht verstanden, was drinnen gespielt wurde.

Die Autorin lebt in der Nähe von Stuttgart. Sie macht seit 16 Jahren Kulturradio und arbeitet derzeit als Autorin für NDR, WDR und SWR.

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