Medien : Ein einziger Hinterhalt

Barbara-Maria Vahl

Es soll also wieder passiert sein. Wieder sind angeblich drei Journalisten in Afghanistan getötet worden. Identifiziert sind sie nicht. Das iranische Fernsehen hatte von den Toten berichtet, auch die Nordallianz äußerte sich dazu: Die Taliban hätten die Morde begangen, verkleidet als Nordallianz-Kämpfer. Die afghanische Polizei dementiert und sagt, es habe keine Toten gegeben.

Sicher ist, dass bereits sieben Journalisten im Afghanistan-Krieg umgekommen sind. Die Zahl ist umso erschreckender, als das Land erst seit kurzem für Journalisten überhaupt zugänglich ist. Die ersten Opfer waren zwei französische Radio-Reporter und der deutsche "Stern"-Mitarbeiter Volker Handloik. Sie wurden auf einem Panzer der Nordallianz erschossen. Knapp zwei Wochen ist das jetzt her. Anfang dieser Woche gerieten dann die italienische "Corriere-della-Sera"-Korrespondentin, ihr spanischer Kollege von "El Mundo", ein australischer Reuters-Kameramann und ein afghanischer Fotograf auf demselben Weg zwischen Dschalalabad und Kabul in einen Hinterhalt, auf dem sich die jüngsten Morde ereignet haben sollen.

Das Land sei gefährlicher als Mazedonien, Tschetschenien, Sierra Leone oder Bosnien in Kriegszeiten - diese Botschaft senden die meisten Reporter zusammen mit ihren Berichten an ihre Redaktionen. Der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen fordert nun, die Sicherheit wenigstens ein bisschen zu verbessern: Man sollte überlegen, "Journalisten mit einem international anerkannten Sonderstatus auszustatten, vergleichbar mit dem Roten Kreuz".

Die unklaren Machtverhältnisse machen Afghanistan so besonders gefährlich. Nach dem Rückzug der Taliban sind die rund 1000 Kriegsberichterstatter in Gebiete ausgeströmt, die von Warlords, zurückgekehrten Stammesführern oder von gar niemandem kontrolliert werden. "Das fordert seinen Preis", schreibt die "New York Times". In diesem Land, in dem jeder eine Kalaschnikow besitzt, werden Journalisten leicht zu Überfallopfern. Denn ihre Ausrüstung - von Satellitentelefonen über Kameras bis zu Aufnahmegeräten - ist kostbar. Außerdem wissen die ausländischen Medienvertreter nie, wem der frischbarbierten Männer, die ihnen in Kabul ihre Hilfe als Ortsführer anbieten, zu trauen ist.

Viele amerikanische Fernsehstationen ziehen bereits ihre Teams aus unsicheren Regionen wieder ab, berichtet die Zeitung. Selbst in Kabul sei die Lage höchst angespannt. Ein NBC-Nachrichten-Team mietete zum Beispiel für ein Wochenende ein Haus, und als sie darin einen Raum aufbrachen, den der Besitzer sich zu öffnen geweigert hatte, fanden sie eine nicht detonierte 250-Kilo-Bombe. Ein amerikanischer Hörfunkkorrespondent, der kürzlich nach sechs Wochen in Afghanistan nach Islamabad zurückkehrte, berichtete, nach dem Fall von Mazar-I-Sharif habe sich die Lage komplett verändert "Die Taliban sind in tausend Stücke zerschmettert. Jetzt hat man einfach jede Menge Leute mit Gewehren herumlaufen, und du weißt nie, wer auf deiner Seite oder gegen dich ist."

Am gefährlichsten sind für Journalisten die erst kürzlich von den Taliban befreiten Gebiete. Sie sind noch gefährlicher als Kunduz, wo zurzeit noch gekämpft wird. Aber in der Stadt im Norden ist zumindest klar, wo die Front ist. Dort gehen die Journalisten eben nicht hin.

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