Medien : Ein fast perfekter Mord

Im „Tatort: Eine Leiche zuviel“ gerät die Münsteraner Medizinerschaft unter Verdacht

Kurt Sagatz

Die Anatomie dient der wissenschaftlichen Erforschung des menschlichen Körpers, die Forensik der Verbrechensaufklärung bei nicht natürlichen Todesursachen. Mitunter wird eine Leiche aus der Gerichtsmedizin der Anatomie zur Verfügung gestellt, doch wenn ein Körper direkt von der Anatomie in die Forensik befördert wird, verliert selbst der sonst so kühle Münsteraner Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) zumindest kurzzeitig seinen Sarkasmus.

Im WDR-„Tatort“ „Eine Leiche zuviel“ geraten vor allem die Weißkittel unter Verdacht, denn bei der professionell in Formalin eingelegten und kaum noch kenntlichen Leiche handelt es sich um die junge Französin Amélie Blanc, die bis vor kurzem als Chemikerin zu einer Forschergruppe an der Universität Münster gehörte. Fast wäre es der perfekte Mord gewesen, denn Amélie stand kurz davor, von einer Gruppe Zweitsemester fachmännisch zu Studienzwecken seziert zu werden. Im Laufe der Ermittlungen zwingt dies Boerne sogar dazu, von seinen Mediziner-Kollegen und auch von seinem ehemaligen Dozenten und Leiter der Anatomie, Professor Gregor Härtling (Jürgen Jentsch), eine DNA-Probe verlangen zu müssen.

Auf die Idee, dass Boerne selbst ebenfalls verdächtig ist, sollte dennoch niemand voreilig kommen. „Meine Leichen lasse ich im eigenen Institut verschwinden“, weist der Rechtsmediziner jeden Verdacht weit von sich. Verdächtige gibt es ohnehin genug. Vor allem der cholerische Ehemann der Französin, Thierry Blanc (Silvan-Pierre Leirich), wirkt in seiner aufbrausenden Art alles andere als vertrauenerweckend. Schließlich ist da auch noch Dr. Schroth (Stefan Gebelhoff), der – erfolglos – die Forschergruppe und somit die Universität verlassen muss.

„Die Lebenden lernen von den Toten“, diese Weisheit der Anatomen ist auf den Film von Regisseur Kaspar Heidelbach keineswegs anzuwenden. Lehrreiche Lektionen gibt es weder in Bezug auf den menschlichen Körper noch zur Arbeit der Kriminalpolizei. Vielmehr überlässt Kripo-Mann Frank Thiel (Axel Prahl) diesmal Kommissar Zufall die meiste Arbeit. Denn eigentlich dürfte Thiel mit seinem verletzten Fußknöchel gar nicht arbeiten, und so humpelt er als Running Gag durch diesen „Tatort“. Wobei nicht ganz klar ist, ob seine temporäre Behinderung oder seine westfälische Abstammung daran schuld sind, dass er diesmal noch missmutiger und schroffer auf seine Umwelt reagiert. Selbst die menschlich-kollegiale Freundschaft zwischen dem eher schlichten Thiel und dem voll in der Münsteraner Gesellschaft etablierten Mediziner Boerne wird auf eine harte Bewährungsprobe gestellt.

Der „Tatort“ mit der überzähligen Leiche ist erneut einer dieser Krimis aus Münster, bei denen wie in den Edgar-Wallace-Filmen der 60er Jahre der Grusel hinter der Unterhaltung zurücksteht. Allerdings sorgt die schaurige Szenerie in den Kellern der Anatomie mit ihren wachsweißen Leichen im kalten Neonlicht, in der große Teile dieser Folge gedreht wurden, schon dafür, dass den Zuschauern der eine oder andere Schauer über den Rücken läuft.

„Tatort: Eine Leiche zuviel“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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