Medien : „Ein großes blaues Auge“

Der Reporter Jayson Blair fälschte und fälschte – und die „New York Times“ druckte

Matthias B. Krause

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New York

Am Tag nach der großen Enthüllung schwante dem Ersten, dass zu viel Selbstkasteiung auch nicht gut sein kann. So empfahl „New York Times“-Kolumnist William Safire den Kollegen: „Lasst uns ein metaphorisches kaltes Steak über unser blaues Auge legen und von dem bestürzenden Beispiel lernen – damit andere Journalisten im Land und in der Welt weiter von uns lernen können.“

Tags zuvor hatte die renommierteste US- Zeitung mit einem Stück auf der ersten Seite und vier weiteren Seiten im Innenteil einen Fall aufgedeckt, den sie selbst als einen Tiefpunkt ihrer 152-jährigen Geschichte wertete. Herausgeber Arthur Sulzberger Jr. sprach von einem gestörten Vertrauen zwischen der Zeitung und den Lesern: „Das ist ein großes blaues Auge.“ Der 27-jährige Nachwuchsreporter Jayson Blair hat nach den Recherchen der Kollegen systematisch seine Chefs und die Leser an der Nase herumgeführt. Seit Oktober vergangenen Jahres soll er in mindestens 36 von 72 Artikeln Zitate erfunden und Fakten gefälscht haben. Seine Berichte über den Heckenschützen in Washington oder die gerettete Soldatin Jessica Lynch trugen Ortsmarken aus der Hauptstadt oder einem Kaff in West Virginia, doch Blair saß zu Hause in New York und erfand die Details, die er nicht per Telefon recherchieren konnte.

Blair, der während seiner gut drei Jahre als Angestellter der „Times“ mehrfach wegen seiner Fehler gerügt worden war, flog schließlich auf, weil sich Redakteure anderer Zeitungen beschwerten, er habe ganze Passagen aus ihren Artikeln abgeschrieben. Zum 1. Mai wurde er entlassen und ist seitdem untergetaucht. Selbst für die fünfköpfige Reportergruppe, die das Blatt daran setzte, die Machenschaften des ehemaligen Angestellten aufzuklären, war er nicht erreichbar. Dafür entdeckten die Enthüller in eigener Sache zahlreiche weitere Ungereimtheiten in den rund 600 Beiträgen, die Blair insgesamt für die „Times“ verfasste. Und die Recherchen sind noch nicht abgeschlossen, unter der Mailadresse retrace@nytimes.com werden die Leser aufgerufen, weitere Verfehlungen Blairs aufzudecken.

Der Student der Universität Maryland begann seine Karriere bei der „New York Times“ 1998 als Praktikant. Schon damals, so schreiben seine Kollegen heute, sei er durch seinen Ehrgeiz aufgefallen. Er habe außergewöhnlich gut und schnell schreiben können. „Er hatte Charisma und sehr viel Charme“, sagte ein Vorgesetzter. Diese Qualitäten brachten ihm 2000 eine feste Stelle ein. Schon damals fragte allerdings niemand ernsthaft nach, ob er mittlerweile tatsächlich sein Studium abgeschlossen hatte. Er hatte nicht, wie sich jetzt herausstellte.

Zu dieser Eingangslüge kamen immer neue. Mehr als 50 Berichtigungen musste die „Times“ drucken, weil sich in Blairs Artikeln gravierende Fehler fanden. Kollegen beschwerten sich über seine mangelnde Sorgfalt und seine undurchsichtigen Arbeitsmethoden. Die außergewöhnliche Nachrichtenlage ließ Blair sogar noch weiter aufsteigen. Ob nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder nach dem Beginn des Irak-Krieges im März diesen Jahres, immer gab es in der letzten Zeit zu viele Geschichten und zu wenige Reporter. So mag Blair wohl als ein Felix Krull eingehen, eine schillernde Figur, die mit ihren Lügen erstaunlich weit kam. Doch verglichen mit den Gerd Heidemanns, Michael Borns und Tom Kummers der Branche wirken seine Vergehen wie eine Fußnote im hektischen Tagesgeschäft. Keine seiner geschönten Geschichten waren so unglaublich wie die gefälschten Hitler-Tagesbücher im „Stern“, die inszenierten Ku-Klux-Klan-Märchen im deutschen Fernsehen oder die erfundenen Promi-Interviews im „SZ-Magazin“.

Dass Blairs zurechtgebogene Wahrheiten dennoch so große Wellen schlagen, hat mit den journalistischen Maßstäben zu tun, die bei den US-amerikanischen Traditionsmedien enger gefasst sind als etwa in Deutschland. Das Fälschen von Ortsmarken gilt als Todsünde, Zitate sind heilig und wenn ein Interviewpartner nur telefonisch zu erreichen war, wird das akribisch vermerkt. Ob deshalb tatsächlich grundsätzliche Lehren aus dem Beispiel des gefallenen Jungreporters zu ziehen sind, ist zweifelhaft. Das sieht selbst die Kommentatorin der „New York Times“-Konkurrenz „Newsday“ so: „Es bleibt keine andere Lehre als diese: Von Zeit zu Zeit gibt es solche traurigen Geschichten, weil Leute aus persönlichen Gründen versagen.“

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