Ein halbes Leben : Im Spiegel

Der ZDF-Film „Ein halbes Leben“ ist ein intensives Drama mit Matthias Habich und Josef Hader.

Thilo Wydra
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Peter Grabowski (Matthias Habich) findet sich auch 15 Jahre später nicht mit dem Mord an seiner Tochter ab.Foto: ZDF

Am Ende hat es etwas von einer Spiegelung, etwas vom Doppelgänger-Motiv: Die Tochter des einen Mannes wurde vor Jahren vergewaltigt und ermordet. Peter Grabowski (Matthias Habich) leidet auch 15 Jahre danach noch unter diesem Verlust, und seine Frau Marianne (Franziska Walser) vermag es nur sehr bedingt, ihm Trost zu spenden. Lenz (Josef Hader) wiederum ist der Mörder von Grabowskis Tochter. Lenz jedoch ist inzwischen selbst Vater einer kleinen Tochter, die er alleine erzieht. Lenz arbeitet in Wien als U-Bahn-Fahrer, er hat sich ein Leben aufgebaut, ein normales, harmloses, kleines Leben. Der Mord, den er seinerzeit beging, wurde nie aufgeklärt. Und so lebten Grabowski und Lenz die letzten 15 Jahre in Wien – der eine verlor seine Tochter durch den anderen, der nun selbst eine hat. Als die Technik Fortschritte macht und schließlich ein neues Verfahren der DNA-Analyse einen Täter eindeutig ausmachen kann, verändert sich die Lebenssituation beider Männer erneut.

Regisseur und Drehbuchautor Nikolaus Leytner zeichnet in seinem absolut gelungenen Drama „Ein halbes Leben“ auf äußerst behutsame und feinfühlige Weise die Lebenssituation zweier Männer nach, die sich letztendlich in ihrem Leben spiegeln. Beider Leben ist von einer Traurigkeit überlagert, beiden geht es um das Dasein-Können für die Tochter, und um ihren – freilich unterschiedlichen – Verlust. Das ist alles ganz wunderbar still und leise inszeniert und von großer Dichte und Intensität. Ein doppeltes Seelenportrait. Bei alledem liefern die beiden Darsteller Matthias Habich und vor allem Josef Hader geradezu bestechende Interpretationen dieser beiden Männer ab. Beide sind, jeder auf seine Weise, gebrochen, ja zerbrochen. Bei beiden schwingt eine Wehmut, eine Sehnsucht mit, nach etwas, was sie längst nicht mehr (fest-)halten können. Einmal, da sind die Gesichter der beiden vor und hinter einer Glasscheibe zu sehen. Der Lenz, der sitzt dahinter, und der Grabowski steht davor und spiegelt sich darin. Für einen kurzen Moment stehen beide Gesichter nebeneinander. Ein typisches Doppelgänger-Leitmotiv.

Auch stellt „Ein halbes Leben“ bei aller individuellen biographischen Zeichnung die heikle übergeordnete Frage nach Moral und Schuld: Ist es gut, Lenz nun zu inhaftieren, wo er gefunden ist, obgleich das für seine Tochter bedeutet, ins Heim zu kommen? Wo liegt die Gerechtigkeit, wenn also ein anderer, ein unschuldiger Mensch, ein Kind zumal, nun keinen Vater mehr hat? Ambivalente Fragen, die Leytners Film aufwirft.

Mit seiner Tochter will Lenz den selbst gebastelten gelben Drachen steigen lassen, an jenem Tag, an dem er verhaftet wird. Als er die Beamten sieht, wie sie ihn observieren und gleich verhaften werden, beugt er sich zu seiner Tochter herunter und verspricht ihr, dass er immer für sie da sein werde. Das mit dem Drachen, das machen sie ein andermal. Die Kleine glaubt es ihm, natürlich.

Ganz ähnlich hat Grabowski seiner Tochter einst versprochen, für sie da zu sein, als es ihr wichtig war. Doch ihm kam etwas Berufliches dazwischen. Sie habe nur geschwiegen, erzählt er heute erst seiner Frau. Dass er nicht da sein konnte, das belastet ihn bis heute. Oft sitzt Grabowski in dem leer geräumten Zimmer seiner Tochter, sitzt auf dem Fußboden und starrt zum Fenster raus. Und nun kann auch Lenz nicht mehr für seine Kleine da sein. Das sei die eigentliche Strafe, sagt er einmal. Später dann, nach der Verurteilung wieder zurück in seiner Zelle, da trifft das Sonnenlicht Lenz´ Gesicht, der daraufhin hinaussieht, durch das schmale vergitterte Fenster, und dort draußen, da fliegt ein gelber Drache … Thilo Wydra

„Ein halbes Leben“, ZDF, 20 Uhr 15

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