Medien : Ein Hauch von Hitchcock

Eine Tote hinterm Duschvorhang, ein suspektes Schlachterehepaar und ein verstörender „Tatort“ aus Bremen

Tom Peuckert

Manchmal spielt Kommissar Zufall von Anfang an eine tragende Rolle: Die Tochter der Hauptkommissarin zieht nämlich in ihre erste eigene Wohnung. Ausgerechnet in das Haus, das sich dann als Mördergrube entpuppen wird. Es handelt sich um einen unauffälligen, dreistöckigen Neubau in der Bremer Vorstadt. Die Nachbarn scheinen nett, es gibt sogar einen richtigen Hausmeister, im Erdgeschoss macht der Schlachter täglich frische Wurst. Das sind genau die Häuser, die uns immer in den Abendnachrichten gezeigt werden. Wenn von düsteren Kapitalverbrechen die Rede ist, die sich zuvor niemand hat vorstellen können.

Eigentlich wollte Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) ihrer Tochter nur beim Renovieren helfen. Sie hat dafür Urlaub genommen, aber nun beschäftigt sie ein Fall in der Nachbarschaft. Eine junge Frau liegt tot hinterm Duschvorhang. Ermordet, wie sich herausstellt. Das Schlachterehepaar Hans und Lisa Pietsch (Hannes Jaenicke und Maja Maranow) war mit der Toten gut befreundet. Auch Nachbarin Angela (Gabriela Maria Schmeide) hatte engen Kontakt und weiß nichts Böses zu sagen. Allerdings dauert es nicht lange, bis erste Risse in den nachbarschaftlichen Legenden klaffen.

Jochen Greve (Buch) und Thomas Jauch (Regie) erzählen ihren Krimi auf dramaturgisch ungewöhnliche Weise. Nur kurze Zeit sieht der Zuschauer den Fall aus der Perspektive des ermittelnden Kommissarenduos Lürsen und Stedefreund (Oliver Mommsen). Dann nimmt ihn die Kamera mit in die geheimen Hinterzimmer des Bremer Vorstadthauses. Während die Polizei noch ahnungslos vor verschlossenen Türen steht, kann das wissende Publikum sich ganz auf die Tragödie eines Paares konzentrieren. Und weitere Verbrechen aus nächster Nähe beobachten.

„Die Liebe der Schlachter“ ist ein Krimi, in dem noch mit Rattengift gemordet wird. Es kommt eine Schreibmaschine vor, deren defektes Farbband den Ermittlern auf die Sprünge hilft. Ein Ehepaar kann sich nicht trennen und reißt lieber die halbe Vorstadt mit in den Abgrund. Dabei leben wir im Zeitalter der Computertechnik und rasch wechselnder Lebensabschnittspartner. Wer hat noch Rattengift im häuslichen Vorratsschrank, das mit schnellem Griff dem untreuen Gatten ins Essen gestreut werden kann? Und sind liebeskranke Schlachter nicht überhaupt Gestalten einer versunkenen Epoche? Dabei spielen Maja Maranow und Hannes Jaennicke ihre Figuren durchaus eindrucksvoll. Vielleicht lebt man in Bremen auch altertümlicher, als wir immer dachten. In einer engen, provinziellen Welt, bevölkert von tragischen Kleinbürgerseelen, wie sie das Drama vergangener Jahrhunderte kannte. Wer sich auf solche Prämissen einlässt, wird dem Untergang der Schlachter seine Anteilnahme nicht versagen.

Im Reigen der „Tatort“-Ermittler sind die Bremer Kollegen ohnehin die bodenständigen. Während man in München meist mit Problemen von erlesener Dekadenz beschäftigt ist und die Berliner Kommissare Ritter und Stark immerzu nach großstädtischen Running Gags jagen, trägt man in Bremen seine ehrliche Haut zu Markte. Keine ästhetischen Höhenflüge, keine intellektuellen Eskapaden, keine Ausflüge an die Grenzen des Erlaubten. Auch der Humor weiß sich zu bescheiden. Das ist die Solidität, die der Nordmensch in seinem Wappen führt. Manchmal allerdings möchte man den charmanten Komödianten Manfred Krug alias Kommissar Stoever aus seiner Hamburger Pensionärsruhe wecken.

„Tatort: Die Liebe der Schlachter“, ARD, 20 Uhr 15.

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