Ein Jahr nach dem Untergang der "Sewol" : Der Lügenpresse-Vorwurf auf Koreanisch

Koreanische Journalisten werden seit dem Untergang der "Sewol" als Kiregi - Drecksreporter - beschimpft. Auch ein Jahr nach dem Schiffsunglück dürfen sie nicht die ganze Wahrheit schreiben - weil die keiner kennt.

Sören Kittel
Vor einem Jahr sank die Fähre "Sewol" vor Südkorea, 304 Menschen starben. Die Berichterstattung über das Unglück und seine Hintergründe haben die Menschen erzürnt.
Vor einem Jahr sank die Fähre "Sewol" vor Südkorea, 304 Menschen starben. Die Berichterstattung über das Unglück und seine...Foto: dpa

Am 14. April 2015 meldet sich Tatsuya Kato, ein japanischer Korrespondent der Zeitung Sankei Shimbum, nur kurz am Telefon: Er müsse jetzt sofort zum Flughafen und das Land verlassen. Nur wenige Stunden zuvor war die Reisebeschränkung gegen den 48-jährigen Journalisten aufgehoben worden. Er wolle sich auch nicht zum Stand des Rechtsstreits gegen ihn äußern. Er will gerade nur noch weg. Gegen ihn war im August 2014 ein Reiseverbot ausgesprochen worden, das acht Mal erneuert wurde. Der Vorwurf: Er hatte in einem Artikel in der japanischen Zeitung das Gerücht aus Korea zitiert, dass die südkoreanische Präsidentin Park Geun-Hye sieben Stunden mit einem Mann in einem Hotel allein war – und deshalb nicht erreichbar.

Die Aufregung um diesen Vorfall hat mit dem Tag zu tun, an dem sie nicht erreichbar war, es war der 16. April 2014, als sich Südkorea im Ausnahmezustand befand. An jenem Morgen, gegen neun Uhr des 16. Aprils, sank das Transportschiff „Sewol“ mit 476 Passagieren an Bord, 172 von ihnen konnten gerettet werden, 304 Menschen starben, die meisten von ihnen Schüler einer Abschlussklasse aus dem Süden von Seoul. Bis zum späten Nachmittag dieses 16. Aprils aber zeigten die Fernsehbildschirme allerdings andere Zahlen an, nämlich, dass die meisten Menschen auf dem Schiff gerettet wurden. Das war eine Erleichterung vor allem für die Eltern der Schüler an Bord. Gegen 16 Uhr aber tauschten die Sender die Zahlen aus, plötzlich waren 190 Opfer nicht gerettet, sondern noch vermisst. Ihre Erklärung: Die Geretteten waren doppelt gezählt worden. Wer das live am Fernsehen sah, traute seinen Augen kaum.

Ein schwarzer Tag für die betroffenen Familien, aber auch für die Medien

Und so wurde es ein schwarzer Tag, nicht nur für die betroffenen Familien sondern auch für die Medien. Der koreanische Professor Lee Bong-Su, Dekan der Graduate School of Journalism der Semyung Universität, geht noch einen Schritt weiter: „Seit diesem Tag benutzen viele im Zusammenhang mit Journalisten den Begriff Kiregi, der sich aus dem Wort für Reporter und Dreck zusammensetzt.“ Das hänge damit zusammen, dass die meisten Journalismus-Schulen keine Ethik unterrichten und zudem in den meisten Zeitungen regierungsfreundlich berichtet werde. „Das Schlimme ist“, sagt Lee weiter, „dass die Politik und die großen Unternehmen zumindest die konservative Presse als PR-Arm ansehen und so behandelt.“

Der Unmut der Leser und Zuschauer nach den Falschmeldungen hatte Folgen: Eine der größten Tageszeitungen, die „Joongang Daily“, druckte eine ganzseitig Entschuldigung, für sachliche Fehler, für eine zu regierungsfreundliche Berichterstattung und für ein zu penetrantes Nachfragen bei Betroffenen. Doch das Desaster hörte damit nicht auf, auch ein Jahr nach dem Unglück kommt Südkorea nicht zur Ruhe. Es gibt fast täglich Demonstrationen in der Seouler Innenstadt, die gelbe Schleife ist zu einem Symbol für Solidarität mit den Opfern geworden, aber auch für die Suche nach der Wahrheit. „Sie wollen, das wir schweigen“, steht auf manchen Transparenten. Mit „Sie“ ist auch die Presse des Landes gemeint.

So zumindest, sieht das Kim Young-Oh, der wohl bekannteste Vertreter der Opfer. Seine Tochter Yumin starb vor einem Jahr, im Januar wäre sie 18 Jahre alt geworden. Er sitzt derzeit täglich im Zentrum von Seoul vor der Statue des Königs Sejoeng, er schläft auch immer wieder dort. Zusammen mit anderen Eltern will er erreichen, dass die Regierung sich ihrer Verantwortung stellt, doch berichtet wird kaum noch darüber. „Das Vertrauen in die Medien ist weg“, sagt er. „Noch nicht einmal die genaue Zeit des Unfalls haben sie bisher endgültig bestimmt.“ Zudem fühlen er und anderen Eltern sich falsch zitiert in Artikeln. „Manche Zeitungen stellen uns dar, als wollen sie nur mehr Geld von der Regierung herausschlagen“, sagt er. Pünktlich in der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die Regierung rund 400.000 US-Dollar als Kompensation anbot, was die meisten Eltern ablehnten und sich zudem die Haare abrasieren ließen. „Uns geht es darum, dass endlich die Wahrheit herauskommt.“ Er wolle erreichen, dass die unabhängige Wahrheitskommission ihre Arbeit aufnehmen kann, die inzwischen immerhin gegründet wurde.

Doch zumindest in der mächtigen konservativen Presse drehte sich der Wind gegen die protestierenden Eltern. Schon als im Juli Kim Young-Oh mit einem Hungerstreik begann, schrieben einige Kommentatoren, dass er zu seiner Tochter vor ihrem Tod nur selten Kontakt hatte, dass er sich nur selbst darstellen wolle – und im Internet wurde gemutmaßt, dass er heimlich essen würde. „Es stimmt“, sagt Kim, „dass ich Yumin nicht häufig gesehen habe, seit ich von meiner Frau getrennt lebe, aber er habe immer seine Alimente gezahlt und den Kontakt gehalten.“ Erst, als sich Papst Franziskus bei einem Besuch in Seoul im August 2014 zu Kim Young-Oh herabbeugte und ihm so weltweite Aufmerksamkeit bescherte, wurden auch wieder lokale Medien auf Kim aufmerksam.

Kritik an der Präsidentin kann bestraft werden

Im August 2014 erschien auch der Text von Tatsuya Kato. Darin schrieb er eben über jene sieben Stunden, über die noch immer nichts bekannt ist. Auch südkoreanische Medien hatten zuvor über den mysteriösen Verbleib der Präsidentin spekuliert, doch Kato wurde angeklagt: Es gibt in Südkorea ein Gesetz, dass Kritik an der Präsidentin laut „Verleumdungsgesetz“ bestrafen kann. Fast jede Regierung hat dieses Gesetz bisher benutzt, das eine Strafe von bis zu sieben Jahren Gefängnis vorsieht. Derzeit ist Kato zwar in Japan, aber er musste versprechen, zu den Verhandlungen zu erscheinen. Dabei hatte er nur koreanische Zeitungen zitiert.

Der koreanische Journalismus-Professor Lee Bong-Su sieht Kato eher als ein Bauernopfer. „Durch diese Klage wollte die Regierung offenbar sicherstellen, dass die Diskussion über das Thema beendet wird.“ Generell, hält er fest, sei es schon möglich, die Präsidentin zu kritisieren. Das täten linke Blätter im Land auch fleißig, wie die Tageszeitung „Hankoreh“ zum Beispiel, die jedoch nicht so viel Macht hat, wie zum Beispiel die „Chosun Ilbo“. Für beide hat Lee geschrieben. „Doch die meisten Journalisten die im Blauen Haus, dem Regierungssitz, registriert sind, wollen eine gute Beziehung zu Frau Park aufbauen und halten sich deshalb zurück.“ Zwei Drittel der TV-Sender-Direktoren werden zudem vom Blauen Haus ernannt und viele Chefredakteure seien direkt oder indirekt von Unternehmen wie Samsung und LG abhängig, die auch Park Geun-Hye nahe stehen. Für die nähere Zukunft der Medien sieht Lee deshalb auch keine Besserung im Land, auch weil jüngere Journalisten blind dem folgen, was ältere ihnen sagen.

Der Vater der ertrunkenen Yumin, Kim Young-Oh, kann noch genau sagen, wann er zum ersten Mal den Glauben an die Medien verlor. Er erzählt: Am Abend des 16. April war er in Jindo, vor dessen Küste das Schiff gerade sank. Er weiß noch, dass viele auf ein Wort aus dem Blauen Haus warteten, aber die Präsidentin äußerte sich seltsam lange nicht. „Es gab zwei Leinwände“, sagt er, „auf der einen wurde gezeigt, wie die TV-Sender über fieberhafte Rettungsmaßnahmen berichten, daneben auf einer Leinwand das Live-Bild, da sank einfach nur ein Schiff.“

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