Medien : Ein Junkie auf Entzug

Markus Ehrenberg

Zwei Tage ohne WM, nach fast drei Wochen Dauereinsatz vor der Glotze, nach acht Stunden täglich.

Und plötzlich war da: Leere. Zwei Tage stehen gebliebene Zeit. Zwei Tage Warten auf Deutschland – Argentinien. Zwei Tage, ja, nicht Verzweiflung, aber doch eine gewisse Sinnlosigkeit. Wie oft haben wir geschimpft, auf Kerner & Co. Wie gerne hätten wir sie die letzten beiden Tage wieder gehabt. Nur kurz, als Zeichen für Größeres. Es geht ja nicht mehr darum, ob all die WM-Spiele gut oder schlecht waren. Es waren – WM-Spiele, selbst Mexiko gegen Angola. Live, nicht immer schön, aber meistens spannend. Als am Dienstagabend Frankreich gegen Spanien zu Ende war, ist man extra lange wach geblieben, hat noch „Waldis WM-Club“ gesehen. So was nennt man wohl Selbsthass. Akuter eckiger Kopf. WM-Sucht. Und als das klar war, folgten zwei Tage mit Fernsehen ohne irgendetwas, was sich wie Klose, Messi oder Elfmeterschießen anfühlt. Am Mittwoch ein bisschen örtliche Betäubung im Ersten bei „Nonne trifft Stripperin“. Gestern „Commisario Laurenti“ mit dem großartigen, im fernen Triest aber völlig deplatzierten Henry Hübchen. By the way, Herr Hübchen, kommen Sie zurück in den Osten! Zum Kollegen Uwe Steimle! Zum Polizeiruf nach Schwerin! Die muffelig-frotzelnden Ermittler Steimle/Hübchen sind die Delling/Netzers im deutschen Krimi.

Doch das ist jetzt nicht das Thema. Eines Tages soll die WM ja vorbei sein. Eines Tages muss man sich beweisen, dass es ohne geht. Man könnte wieder in der Küche essen, nicht auf dem Sofa, mit vorher richtig kochen und so. Verwandte anrufen. Lesen. Keine Fußballbücher, am besten Balzac, „Glanz und Elend der Kurtisanen“ (am 9. Juni angefangen, danach nicht mehr in die Hände genommen). Hilft aber alles nichts. Die Gedanken schweifen ab. Noch ist nicht eines Tages. Fußball her, Fernseher an. Ich liebe es, ich hasse es.

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