Medien : Ein Karnickel für uns alle

Warum ein Harald Schmidt die ganze Fernsehforschung ersetzen kann

Die Zuschauer, sagen die deutschen Fernsehsender, sind unser Ein und Alles. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Wir sind Karnickel für die, Fernsehkarnickel. In den Labors der Sender wird Tag für Tag die Mohrrüben-Forschung vorangetrieben. Wie nur muss die Programm-Mohrrübe beschaffen sein, damit sie dem Karnickel auch schmeckt. Nach dem Food-Design kommt der praktische Härtetest: Ausgewählten Fernsehkarnickeln wird in hochverfeinerten Friss-oder-Stirb-Simulationen, „Screenings“ geheißen, die neuste Mohrrüben-Kreation hingehalten. Und siehe da, das Test-Karnickel frisst, oder es frisst nicht. Die Sender reiben sich die Hände, ganz sicher sind sie sich, sie kennen doch ihre Karnickel wie andere ihre Westentasche.

Der Mohrrüben-Abverkauf kann beginnen.

Denkt man. 2004 Jahr bot sehr heftige Dementis der Fernsehkarnickel-Forschung: „Hire or Fire“, „Fear Factor“, „Kämpf um Deine Frau!“, „Einsatz täglich – Polizisten ermitteln“, „Für Dich tu ich alles“, privat und öffentlich-rechtlich reihte sich Flop an Flop. Ein Mohrrüben-Fabrikant, Pro 7 nämlich, haut noch toller daneben. Die Doku-Soap „Mein neuer Freund“ mit Christian Ulmen hätte dem Publikum am Montag um 21 Uhr 15 schmecken müssen. Hat auch, aber zu wenigen Karnickeln. Pro 7 war so empört, dass gleich die ganze Partie mit den Christian-Ulmen-Mohrrüben vernichtet werden sollte.

Und dann passierten gleich zwei Sensationen: Die Fernsehkarnickel probten den Aufstand, organisierten sich in Christian-Ulmen-Unterstützer-Clubs. Harald Schmidt, eigentlich einer der Chef-Mohrrübler des deutschen Fernsehens, gab das Fernseh-Karnickel. Er sagte nach dem Genuss der Ulmen-Rübe den unerhörten Satz: „Ich habe sehr gelacht.“ Ein hammerharter Aussagesatz. Damit war für Pro 7 endlich alles klar. „Mein neuer Freund“ bleibt im Angebot. Und weil es Schmidt geschmecket hat, wird die Ulmen-Rübe ins 23-Uhr-Regal gelegt, wo bereits die Schmidt-Rübe liegt.

Vielleicht ist das die Lösung und das Ende aller unwürdigen Fernsehkarnickel-Forschung. Je nachdem, wie sehr es Schmidt mundet, wird produziert und platziert. Soll er doch das Chef-Karnickel machen. Mit Gütesiegel.

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