Medien : Ein kurzer Brief zum langen Abschied

Dem beliebten „Tatort“-Kommissar Peter Sodann alias Bruno Ehrlicher setzen nicht nur Herzschmerzen zu

Kerstin Decker

Es sieht nicht gut aus. Kommissar Ehrlicher (Peter Sodann) fasst sich immer öfter an die linke Seite. Der Mann hat Herzschmerzen. Und der neue Fall liegt keineswegs einfach: Ein Häftling, Teilnehmer der vollzugsanstaltseigenen Kunsttherapie, ist während eines Freigangs dort, wo Häftlinge selten hin wollen – im Museum. Lange steht er vor den Bildern, während seine Begleiter sich langweilen. Für alle Leipziger und Nichtleipziger: Das spielt im schönen Neubau des Museums der Bildenden Künste. Das Problem ist das Ende des Ausflugs. Der Häftling ist weg, ein Justizvollzugsbeamter liegt tot im Fahrstuhl. Hat der flüchtige Michael Köster (opfertäterhaft: Niels Bruno Schmidt) eine Flasche aus dem Café mitgenommen, deren abgeschlagener Hals dem Beamten zum Verhängnis wurde?

Mein Gott, ein Fernsehkrimi, mögen Sie denken. Das ist nicht ganz falsch. Und Sie kennen noch nicht mal die Anstaltspsychologin! Nicht nur, dass es nichts Übleres gibt als Psychologinnen, die wie Psychologinnen gucken. Diese hier schaut zugleich wie eine Bardame auf Abwegen. Wer der Frau nur fünf Minuten zusieht, weiß, dass in jedem noch so friedlichen Menschen – niemals ist der Mensch friedlicher als in der Rolle als Fernsehzuschauer – ein Mörder steckt. Natürlich drehen die Insassen hier durch, sogar der kunstbeflissene junge Mann. Dieser Fall wäre also geklärt. Andererseits macht der Häftling seine Kunsttherapie bei einem Professor aus Weimar. Professoren gehören, wie jeder weiß, zur Lebensform der Vampire. Sie setzen ihre Namen über Bücher, die sie nicht geschrieben haben, sie … Nein, Ehrlicher würde das nicht so sehen. Der Ermittler mit den Herzschmerzen hat keine Vorurteile. Er klärt das auf seine Weise. Diesem Kommissar mit dem seltsam aufrichtigen Namen Ehrlicher dabei zuzuschauen, ist der eigentliche Grund, Zeuge eines MDR-Tatorts zu werden. Diese Zurückgenommenheit. Diese Verzögerungen. Viele glauben, man erkennt einen Schauspieler, wenn er spricht. Wie er etwas sagt. Das ist nur zum Teil richtig. Vor allem erkennt man einen Schauspieler daran, wie er etwas nicht sagt. Daran, was für Pausen er macht.

Seit 15 Jahren schon macht Peter Sodanns Kommissar Ehrlicher diese Pausen. Als erster und einziger ostdeutscher „Tatort“-Kommissar. Und klingt dieses allerleiseste Rest-Sächsisch nicht gut? Sodanns „Tatorte“ begleiteten den Umbruch im Osten. Irgendwann kann man die meisten Menschen nicht mehr sehen. 15 Jahre sind eine lange Zeit. Bei Sodann ist das anders. Werden wir ohne seine Pausen leben können, ohne diesen an „Columbo“ erinnernden, nachschleppenden Tonfall? Wir werden es müssen. Noch sagt ihm sein Arzt zwar in aller „Offenheit und Schonungslosigkeit“: Du bist kerngesund! Aber wir sollten das nicht glauben. Noch zwei Folgen, dann ist die Ära „Ehrlicher“ zu Ende. Der MDR will es so. Sodann geht nicht freiwillig. Sicher, der Mann ist in diesem Jahr 70 geworden. In dem Alter befinden sich andere fast ein halbes Leben im Vorruhestand. Aber warum sollte der Osten nicht auch einmal Avantgarde sein, denken wir nur an das neue Renteneintrittsalter! Selbstverständlich sieht der MDR nicht aus wie ein Sender, der Avantgarde sein will, aber es ist nicht nur das.

Der Mann war schon immer ein bisschen ehrlicher als andere. Deshalb folgten ihm in der DDR zeitweise 80 Stasi-Spitzel. Das Arbeiterkind aus Meißen lernte einen soliden Beruf: Werkzeugmacher, dann beinahe Jurist, schließlich Schauspieler. Eine unliebsame Aufführung des Leipziger Studentenkabaretts brachte Sodann 1961 für neun Monate ins Gefängnis. 1981 machte er aus einem maroden Kino in Halle ein eigenes Theater. Das „neue theater“, mit mehreren Bühnen, Literaturcafé, Bibliothek, gibt es noch immer. Dieses Jahr, mit 70, wollte Sodann die Intendanz abgeben. Aber die Hallenser Stadtväter kündigten ihm schon zum Juli 2005, nachdem sie ihn zum Ehrenbürger der Stadt ernannt hatten. Nun ist es wieder ähnlich. Rauswurf statt Abschied.

Vielleicht war es nicht Sodanns beste Idee, bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 als Spitzenkandidat für PDS/ Die Linke antreten zu wollen. Der MDR bedeutete ihm, er dulde keinen Kommissar mit Mandat. Egal welcher Partei? Wer weiß. Sodann entschied sich für Ehrlicher: „Lieber ein politisch denkender Schauspieler als ein schauspielender Politiker.“ Herzschmerzen können wieder weggehen. Aber solche Wunder geschehen wohl nur im wirklichen Leben. Nicht im Fernsehen.

„Tatort“, ARD, 20 Uhr 15

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