Medien : Ein Leben voller Fragen

Zu 40 Jahren „Zur Person“ zeigt der ORB eine Günter-Gaus-Nacht

Kerstin Decker

Zuerst steht er mit Gustaf Gründgens auf dem Balkon, blickt über Madeira und den Ozean – Gründgens hatte gesagt, wenn überhaupt, dann könne er nur auf Madeira Interviews geben – und dann sollen beide zusammen ins Zimmer gehen. Ganz einfach. Hat sich der Kameramann ausgedacht.

Zu den vielen Begabungen, die mir fehlen, sagt Gaus, gehört auch jene, vor der Kamera unverkrampft ein paar Schritte zu gehen. Unmöglich, vom Balkon ins Haus zu kommen, ohne den Eindruck einer akuten Gehbehinderung zu erwecken. Fünf Mal hat er es probiert. Gründgens bekam gleich gute Laune. Das war der Mephistopheles in ihm. Beim sechsten Mal nahm der große Schauspieler den noch nagelneuen Interviewer leicht am Arm und führte seinen Verhörer zu dem einzigen langen Fernseh-Gespräch, zu dem er je bereit war. Heute Abend kann man es in der großen Gaus-Nacht des ORB sehen.

Seit dem Gründgens-Balkon sitzen alle Beteiligten schon, wenn „Zur Person“ beginnt. Und, sicher ist sicher, von Gaus sieht man nur den halben Hinterkopf. Kamerapräsenz ist das nicht gerade, nach heutigen Maßstäben, aber wenn der größte Interviewer der Nation ein Misstrauen hegt, dann doch gegenüber „heutigen Maßstäben“. Gaus findet seine viel wichtiger. Er hat sehr viele und die schon sehr lange.

Als G.G. mit G.G. auf Madeira über den Ozean gucken musste, war er gerade zwei Monate lang Fernseh-Interviewer. Heute vor 40 Jahren fing er an. „Zur Person“ hieß damals noch „Zu Protokoll“, enthielt also schon im Titel den deutlichen Hinweis auf eine gewisse Unnachgiebigkeit. Gaus war 34 Jahre alt und hatte soeben eine Reihe über „Außenseiter“ in der „Süddeutschen“ geschrieben. Dem ZDF gefiel das, und es sagte Gaus, dass es noch viel mehr Außenseiter für ihn habe. Also porträtierte Günter Gaus Ludwig Erhard, Martin Niemöller, Konrad Adenauer, Herbert Wehner, Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt und viele andere (alle nachzulesen in: Günter Gaus, „Was bleibt, sind Fragen“, Verlag Das Neue Berlin). Zuerst musste er aber eine Probesendung machen mit Hanns Werner Richter von der „Gruppe 47“. Die Probesendung wurde eine Katastrophe, Gaus raschelte mit seinen losen Blättern, die richtigen Fragen standen immer auf einem anderen Blatt. Das ZDF gab ihm trotzdem eine Chance.

Gaus’ Interviews haben sich seit 40 Jahren eigentlich nicht verändert. Das ist wichtig, denn gerade in Zeiten, wo alles anders wird, braucht der Mensch Kontinuitäten. Die „FAZ“ taufte Gaus einmal den „Robert de Niro des Journalismus“. Wohl wegen seiner Radikalaneignung der Welt seines Gegenübers. Erste Grundregel für erfolgreiche Interviews: Der Frager kennt seinen Gast besser als dieser sich selbst. Zweite Grundregel: „Ich diskutiere nicht. Ich lasse mein Gegenüber auf seinen Antworten sitzen.“ Genau wie Robert de Niro. Das unterscheidet Gaus-de Niro am meisten von Michel Friedman. „Ich will auch nicht widerlegt werden“, fasst Gaus die typische Robert-de-Niro-Haltung zusammen. Um widerlegt zu werden, ist Gaus viel zu gut vorbereitet. Der vormalige Programmdirektor des Südwestfunks, „Spiegel“-Chefredakteur und Ständige Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin will bis heute etwas anderes. Warum nicht Menschen etwas über sich sagen lassen, was diese gar nicht von sich wussten? Warum nicht das Schweigen im Reden hörbar werden lassen? Günter Gaus hat aus dem Fragenstellen eine Kunstform gemacht.

Als ihn der Deutsche Fernsehfunk im Januar 1990 fragte, ob er „Zur Person“ noch einmal machen wolle, wäre er zu Fuß nach Berlin gegangen. Diese historische Sekunde absoluter Ost-Freiheit festhalten! Heute Abend, in der großen Günter-Gaus-Nacht des ORB, gibt es nach dem Gründgens-Interview die Gespräche mit Willy Brandt, Christa Wolf, Regine Hildebrandt und Edgar Most. Zuerst aber hat Günter Gaus den bekanntesten DDR-Sportmoderator, Heinz-Florian Oertel, zu Gast. Oertel hat auch mal solche Sendungen gemacht wie Gaus. Die hießen „Porträt per Telefon“. Der größte Unterschied zwischen Oertel und Gaus ist, dass Gaus nie wie Oertel „Tooooor!“ rufen könnte. Denn Oertel ist ein struktureller Ekstatiker; Gaus dagegen – Gaus über Gaus – ein nicht-praktizierender Anarchist. Und die lassen es sich nie anmerken, wenn ihre Bälle ins Tor gehen.

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