Medien : Ein Mann der vielen Gesichter

Heute Schmonzette, ansonsten Charakter: der ausgezeichnete Schauspieler Matthias Brandt

Verena Friederike Hasel,Joachim Huber

Am Ende ist es wohl so, dass es die Afrikaner viel besser getroffen haben als die Menschen in Europa. Schließlich tut man auf ihrem Kontinent nichts anderes, als den lieben langen Tag auf einem Weingut herumzustehen und ein paar Reben zu befühlen oder mit dem Jeep malerische Küstenstraßen entlangzufahren. Hat man das zur Genüge getan, wird in den Abendstunden gefeiert; die Musik liegt den Afrikanern im Blut. Und wer das alles noch nicht weiß, sollte heute den ARD-Film „Der Mann von gestern“ von Hannu Salonen nach einem Buch von Doris Heinze sehen. Zehn Jahre ist Robert nun schon in Südafrika, wie seine Icherzählerstimme den Zuschauer nach anderthalb Minuten informiert, zehn glückliche Jahre. Eigentlich könnte es so weitergehen; seine Freundin, die Afrikanerin Maria, und ihre Verwandten hängen Lampions in den Garten, es gibt ein vergnügtes Fest. Nur Robert ist etwas miesepetrig, vielleicht, weil er aus Bremen ist und deutschen Weltschmerz mitgebracht hat, vielleicht, weil er seine Vergangenheit nicht hinter sich gelassen hat. Und, klar, da ist Emma, die unbewältigte Beziehung.

„Der Mann von gestern“, das ist eine der Degeto-Produktionen, für die deutsche Regisseure das Schimpfwort „Degetoisierung“ prägten. Sie beklagten die „Schmonzetten aus einem dramaturgischen Einheitsbrei“, die von der ARD-Tochter häufig eingekauft würden. Typische Zutaten dieses Breis: hanebüchene, liebesdramatische Verwicklungen, der Einsatz von Streicher- und Klaviermusik und optische Hochglanzorte.

Dabei kann man von Matthias Brandt, dem Robert-Darsteller, einiges erwarten. Der Schauspieler wurde 1961 in Berlin geboren, die Stadt, in der er heute wieder mit seiner Familie lebt. Nach einer grundsoliden Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und verschiedenen Engagements – so an den Schauspielhäusern Bochum und Zürich – wurde er 2003 durch den ARD-Zweiteiler „Im Schatten der Macht“ von Oliver Storz bekannt. Der Film behandelte die letzten zwei Wochen Willy Brandts im Kanzleramt. Brandt stellte in diesem Film Günter Guillaume dar – im echten Leben ist er der Sohn Willy Brandts und war gerade zwölf Jahre alt, als der Spionagefall, der seinen Vater zu Fall brachte, aufgedeckt wurde. Der Kanzlersohn spielt den Kanzlerverräter, sieht das nicht nach „Schlüsselfilm“ aus? Matthias Brandt hat stets betont, er habe die Rolle weniger seiner biografischen Verbindung zum Stoff wegen, sondern wegen der Arbeit mit Oliver Storz angenommen. Er wolle mit seiner Darstellung „Guillaume nicht werten“, zum Vater sei die Verbindung nie besonders eng gewesen. Ein normales Verhältnis, wirkliche emotionale Nähe zwischen beiden, die gab es nicht, der Regierende Bürgermeister und Bundeskanzler war kaum zu Hause. Die Herausforderung bei „Schatten der Macht“ war künstlerisch, nicht familiär. Was dem Schauspieler, (Krimi-)Autor, Hörbuchsprecher gelungen ist: Das Etikett „Brandt-Sohn“ kann nur noch biografisch verwendet werden. Für das Erreichte, bei den Leistungen steht Matthias Brandt für sich selber ein.

Rückbezüge inklusive: Über seine Erinnerungen und die des Guillaume-Sohnes Pierre Boom drehte Regisseurin Doris Metz 2005 die Dokumentation „Schattenväter“. Im selben Jahr stand Matthias Brandt mit Martina Gedeck für den Stasi-Spionagethriller „Der Stich des Skorpions“ vor der Kamera. 2006 bekam Brandt für „In Sachen Kaminski“ den Bayerischen Fernsehpreis. In dem Film spielte er einen einfältigen Vater, der glaubhaft und gar nicht tränendrückerisch ums Sorgerecht für seine Tochter kämpft.

In diesem Jahr wurde der Schauspieler für „Arnies Welt“ mit einem GrimmePreis ausgezeichnet. Die Jury lobte, dass Brandt seine Figur des „schrullig-scharfen, schnapsgeprüften Briefträgers“ zu einer „kostbar-komischen Miniatur“ gemacht habe. Am vergangenen Montag erst war er der Mörder im ZDF-Krimi „Der Tote am Strand“ – eine Rolle, die Brandt mit vielen Brüchen anreicherte, mit der Wunderlichkeit eines Menschen, dessen sezierend-ferner Blick in Sekunden einem kindgleichen Lächeln Platz machen kann. Auch heute schafft es Matthias Brandt, dem Film „Der Mann von gestern“ einen gewissen Arthouse-Anstrich und schauspielerische Tiefe zu verleihen. Etwa, wenn er groß und eckig vor Emmas Haus steht, voller Verlangen hineinschaut, sich dann doch auf sich selbst zurückzieht und langsam die Straße hinuntergeht. Brandt braucht die in solchen Filmen übliche Dialoglastigkeit nicht, er kann mit seinem Gesicht spielen und hat Blicke im Repertoire, die keiner weiteren Etikettierung durch Worte bedürfen. Die meiste Zeit wirkt er in dieser Rolle aber, als habe er sich ins Degeto-Land verirrt und weiß nun nicht mehr, was er hier anstellen soll.

Der Schauspieler Matthias Brandt ist gefragt, sehr gefragt sogar: In Jan Bonnys Regiedebüt „Gegenüber“, der nach Cannes eingeladen war und seit vergangener Woche im Kino läuft, spielt er den Polizisten Georg, der das Opfer körperlicher Gewalt seiner Ehefrau wird. Am 7. und 8. November ist er in dem Contergan-Film „Nur eine einzige Tablette“ als Betriebsdirektor Henrik Spiess zu sehen – ein WDR-Film mit Unterstützung der Degeto, der so viel mehr verspricht als die Folklorisierung Afrikas.

„Der Mann von gestern“, ARD, um

20 Uhr 15

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