Medien : Ein Mosaik des Krieges

Panzer, Partys, Politiker: Auf der Internetplattform YouTube entsteht eine neue Art der Krisenberichterstattung

Christoph von Marschall[Washington]

Es sind irritierende Bilderfolgen in direkter Nachbarschaft. Aufnahmen blutiger Bombenopfer stehen neben Musikclips arabischer Popqueens, Videos von der landschaftlichen Schönheit des Libanongebirges neben Filmchen einer Fahrt durch Beirut im Cabrio, die Kamera wurde offensichtlich von Laienhänden geführt. In den jüngsten Tagen sind viele Kriegsszenen hinzugekommen: Ausschnitte aus den Nachrichten internationaler Sender, zerstörte Häuser, rollende Panzer, das Abfeuern von Raketen, unterlegt mit Stimmen in fremden Sprachen und anklagendem Ton. Verherrlichungen der Hisbollah sind ebenso darunter wie Bilder von den zivilen Opfern der israelischen Luftangriffe auf Kana: Bereits wenige Stunden nach dem Vorfall hatte jemand die kurzen Videos auf der Internetseite von YouTube hochgeladen.

Seit Tagen stellen beide Parteien Filmszenen auf die Seite. Ein 27-jähriger „Mohammed“ aus Beirut Aufnahmen von nächtlichen Bombenangriffen mit dem Kommentar: „Hört ihr das schreckliche Geräusch der Einschläge? Die Angriffe bringen all die Ängste zurück, die ich als Vierjähriger im damaligen Kampf um Beirut durchlitten habe; sie verfolgen mich bis heute.“ Ein 22-jähriger jüdischer Amerikaner filmte bei seinem Besuch im israelischen Tiberias die einschlagenden Hisbollah-Raketen. Die Autentizität solcher Aufnahmen und ihrer Urheber kann niemand nachprüfen.

2005 war YouTube in Kalifornien gegründet worden. Die Geschäftsidee: eine Internetseite anbieten, auf der jeder selbstgedrehte Filmchen oder Videos, die ihm bedeutungsvoll erscheinen, mit seinen Mitmenschen teilen kann, maximale Länge 10 Minuten. „Bei uns werden sie zum internationalen Star“, versprechen die Macher. Chad Hurley, einer von ihnen, schwärmt von einer neuen „Clip Kultur“, die dem Fernsehen Zuschauer abspenstig machen werde, und von einer „demokratischen Unterhaltungsform“. Jeder bietet sein eigenes Programm an – „broadcast youself“ ist das Firmenmotto. Wenn man den Zahlen, die YouTube selbst verbreitet, glauben darf, ist der Aufstieg des Internetportals märchenhaft. 100 Millionen Videos würden mittlerweile täglich heruntergeladen und 65 000 neue Clips jeden Tag auf die Internetseite gestellt, vermeldete die Firma Mitte Juli 2006. Mit 60 Prozent aller im Internet angeschauten Videos sei sie unangefochtener Marktführer.

Auch die Propagandisten der Konfliktparteien im Nahen Osten haben YouTube entdeckt und verbreiten ihre Sicht: Auftritte des israelischen UN-Botschafters Gilermann vor den Vereinten Nationen, Protestdemonstrationen von Beirut bis New York, aufwendig ineinandergeblendete Bildfolgen von weinenden Kindern, Haustrümmern, angreifenden Militärjets. Vieles davon ist wohl kaum von Amateuren in Heimarbeit gefertigt worden. In den USA beginnt die Debatte, ob das Videosharing per Internet die Wahrnehmung der internationalen Politik verändern werde. Der Song „Video killed the Radio Star“ der britischen Gruppe Buggles wurde zum Symbol für die Veränderungen, die der Start des Musiksenders MTV vor 25 Jahren mit sich brachte. Nun heißt es in Anspielung darauf „Internet killed the Video Star“. Steht YouTube für den Beginn eines neuen Medienzeitalters?

Bisher ist es noch ein ziemlich unorganisierter Video-Basar, den YouTube im Internet anbietet. Die Kriegsszenen und Politikdebatten zum Libanon gehören nicht zu den Rennern. Die auf der Homepage präsentierten Favoriten mit Downloadquoten im sechsstelligen Bereich fallen in die Bereiche Film- und Musikhits, ästhetische oder besonders witzige Werbeszenen und Gagfilmchen nach dem Muster „Pleiten, Pech und Pannen“. In den vergangenen Wochen gehörten Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi beim WM-Endpsiel Frankreich-Italien sowie Parodien dieser Szene zu den populären Clips oder auch die kleine Nackenmassage, die George W. Bush Angela Merkel beim G-8-Gipfel verabreichte.

Man muss ein bisschen surfen und die Suchbegriffe variieren, um die Palette der Angebote zum jüngsten Libanonkrieg zu testen: Hebzbollah und Hisbollah, Lebanon und Libanon, Kana und Qana. Israel dagegen wird in vielen Sprachen gleich geschrieben. Die Zugriffe bei diesen Themen sind ungleich geringer, Israels UN-Botschafter Gilerman kommt auf 1908 Clicks, die verschiedenen Darstellungen des „Massakers“ von Kana (Qana) auf 6 bis 3000 Zugriffe. Den höchsten Wert erreicht das Video mit dem Nachweis, dass Hisbollah aus der Umgebung des Hauses, wo die Zivilisten starben, Raketen auf Israel feuerte.

Zwei wichtige Unterschiede zur Kriegsberichterstattung im Fernsehen: Niemand kontrolliert die Inhalte von YouTube, weder auf Wahrheit noch auf Ausgewogenheit. Und der Videobasar ist interaktiv; wie bei Bloggs können die Nutzer Kommentare abgeben und über die Inhalte streiten. Das analytische Niveau ist eher gering. Kann hieraus eine ernste Konkurrenz für TV-Sender entstehen? Die mittelfristige Zukunft von YouTube ist ungewiss. Erst jetzt, nach dem schnellen Aufstieg, treten die Probleme offen zutage. Die Software und ihr Ausbau, die erforderlich sind, um Millionen Videos im Netz anzubieten, verursachen inzwischen monatliche Kosten von einer Million Dollar. Dem stehen keine verlässlichen Einnahmen gegenüber, etwa durch Werbung oder kommerziellen Videoverkauf. Und viele Fragen des legalen Umgangs mit den Urheberrechten sind noch ungeklärt. Ganz offenkundig werden Copyrights regelmäßig verletzt, wenn Menschen ihre privaten Videos, zum Beispiel, mit Musikhits unterlegen, ohne eine Lizenz für die öffentliche Nutzung zu haben. Die Internetmusiktauschbörse Napster ist an solchen Hindernissen gescheitert.

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