Ein Nachruf auf den Klatschreporter Paul Sahner : Er hatte sie alle

Der "Bunte"-Chefreporter Paul Sahner ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Er war der vorletzte große Klatschreporter. Ein Nachruf.

Arno Makowsky
Paul Sahner
Paul SahnerFoto: dpa

Bevor man ihn sah, hörte man ihn immer schon. Seine Stimme war die eines Filmstars, dunkel, weich, sympathisch. Er stand zum Beispiel an der Bar des Münchner „Schumann’s“, mitten im Gewühl, seine Stimme war auch drei Meter weiter zu verstehen: „Wunderbar, dass wir uns wieder mal sehen. Sollen wir nachher etwas essen gehen? Ich kenne ein tolles neues Lokal ...“ Man musste nicht sehen, mit wem Sahner da redete, man konnte es sich in etwa vorstellen.

Es war seine Stimme, es war seine einschmeichelnde Art, es war auch sein Auftreten mit lässigem Jackett und weißem Schal, das Paul Sahner zu einer unverwechselbaren Figur im deutschen Journalismus machte. Alles Attribute, die er pflegte und denen er verdankte, dass prominente Menschen zu ihm Vertrauen fassten, obwohl sie wussten, dass dieses Vertrauen bei ihm nicht in guten Händen war.

Bei Paul Sahner überhörten alle die Alarmglocken

Paul Sahner war Klatschreporter. Normalerweise gehen bei medienerfahrenen Leuten bei diesem Stichwort sofort alle Alarmglocken an. Normalerweise. Bei Sahner vergaßen sie es in dem Moment, in denen der Mann ihnen seine Fragen auf eine Art stellte, die ihnen vorgaukelte, sie seien seit Ewigkeiten mit ihm gut befreundet. Dunkles Timbre: Du, ich bin der Paul. Keiner konnte das so gut wie Sahner, der „Vater der Intimbeichte“, wie ihn die „taz“ einmal bezeichnete.

Als Interviewer war er eine Legende; der langjährige Chefreporter der „Bunten“ hat angeblich mehr als 3000 Interviews geführt, darunter mit Richard Gere, dem Dalai Lama, Michael Jackson und anderen internationalen Größen. Seine größte Stärke aber waren die nationalen Helden, deren Intim- und Seelenleben er ausleuchtete, und die sich ihm öffneten wie keinem anderen. Udo Jürgens erzählte ihm von Sex-Exzessen. Franz Beckenbauer sagte ihm, er werde möglicherweise als Pflanze wiedergeboren.

Man kann sich das ungefähr vorstellen, wie es damals abgelaufen sein muss, 2001, als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping auf einer Sommerterrasse auf Mallorca mit seiner neuen Freundin Kristina Gräfin Pilati-Borggreve herumschäkerte. Sahner, der Starreporter, mit am Tisch. Du, Rudolf, erzähl doch mal. Nachher machen wir noch ein paar Fotos, ja? Im Pool.

Zu Hause in Deutschland wurde über einen Kriegseinsatz in Mazedonien diskutiert, doch Scharping dachte in diesem Moment nicht an Soldaten, sondern an die Liebe. Sahner hatte den richtigen Ton und den richtigen Moment erwischt, und er reagierte unerbittlich: Auf dem Titel der „Bunten“ vergnügte sich der Verteidigungsminister mit Geliebter im Pool, im Text war von „ausgelassenen Wasserspielen“ die Rede. Rudolf Scharping musste zurücktreten.

Dabei war Paul Sahner das Gegenteil der Peinlichkeits-Rechercheure, wie man sie im Boulevard-Gewerbe heute zuhauf antrifft. Der größte Unterschied: Er interessierte sich wirklich für die Menschen, über die er schrieb. Der zweitgrößte: Er war richtiger Journalist, mit einem Hintergrund als Polizeireporter und Chefredakteur von, nun ja, „Penthouse“. Sein erstes Engagement als Gesellschaftsreporter hatte er beim Münchner Boulevardblatt „tz“. Dort war er, auch das darf nicht verschwiegen werden, als „Sudel-Paule“ so berühmt wie berüchtigt.

So hat die Karriere des Paul Sahner natürlich auch etwas mit dem besonderen Geflecht des Münchner Boulevards zu tun, mit der Bereitschaft der dortigen Prominenz, sich zu exhibitionieren. Auch mit dem schillernden Charme einer Stadt, in der man bei Prominenten-Partys Champagner aus Pumps trinkt und keine falsche Scheu davor hat, den rosa Porsche ins absolute Halteverbot zu stellen, wenn man ihn dann besser sieht.

Mit Michael Graeter verband ihn eine leidenschaftliche Feindschaft

Paul Sahner kannte jeden in dieser Welt. Er wollte mit allen befreundet sein, und die meisten ließen es sich gefallen – nicht nur aus Kalkül, sondern auch weil er ein origineller, gebildeter Typ war, der in seiner Freizeit Gedichte schrieb und eine ganze Gesellschaft unterhalten konnte. In Deutschland war er der letzte seiner Art, oder besser: der vorletzte. Denn da gibt es noch den Klatschreporter Michael Graeter, mit dem Sahner eine leidenschaftliche, fast komische Feindschaft verband. Zwei Dinosaurier in einem Gewerbe, das heute aus seelenlosen News-Verwertern besteht.

Paul Sahner ist am Montag im Alter von 70 Jahren in Marquartstein an einem Herzinfarkt gestorben.

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