Medien : Ein Oscar für die Geschichte

History-Boom online: Die Macher der prämierten „Stauffenberg“-Website erfinden das Internet neu

Kurt Sagatz

„Das Medium Internet ist da, doch die Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen.“ Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, der am Freitag von Queen Eliazbeth II für seine Verdienste um das Internet zum Ritter geschlagen wurde, spricht aus, was den Reiz des immer noch neuen Mediums ausmacht. Man kann diesen Satz aber auch anders interpretieren: „Die Ängstlichkeit der letzten Jahre nach dem Ende der New Economy macht langsam wieder dem Mut Platz.“ Das sagt Sabine Fischer, die mit ihrer Berliner Agentur Collective Intelligence gerade den „Grimme Online Award TV“ für die Gestaltung der SWR-Webseite zum Film „Stauffenberg“ erhalten hat.

„Die Gestaltung ist angenehm und unspektakulär, das Erscheinungsbild übersichtlich und elegant, die Vermittlung der Inhalte geschieht, ohne den Fernsehbeitrag zu duplizieren“, hatte die Jury ihre Entscheidung begründet. Und auch SWR-Intendant Peter Voß fand lobende Worte, als er die „Stauffenberg“-Seite als „Programmbegleitung im besten Sinne“ würdigte.

Doch mit all diesen Lobreden ist es ähnlich wie mit der groß angelegten Prämierungsfeier auf Schloss Bensberg. „Ich kam mir ein bisschen vor wie bei der Oscar-Verleihung. Dabei interessierten sich die Medien vor allem für Hollywood-Star Jeremy Irons, und eigentlich für nichts anderes außer Jeremy Irons“, lacht Sabine Fischer über den pompösen Rahmen der diesjährigen Preisverleihung.

Überhaupt ist es eher so, dass sich die eigentlichen Online-Arbeiten durch ganz andere Dinge auszeichnen. Der Mut besteht keineswegs darin, etwas Ruhiges und Unspektakuläres zu gestalten. Bei den Preisverleihungen werden ohnehin eher die Auftraggeber als die Kreativen gefeiert. Immerhin hat die „Stauffenberg“-Mannschaft das Glück, dass es sich um alles andere als eine kommerzielle Seite handelt, denn angesichts anstehender Gebührenerhöhungen der öffentlich- rechtlichen Fernsehsender ist derzeit kaum etwas mit einem größeren Tabu belegt, als die Schaffung neuer, aufwändiger und kostspieliger Internet-Seiten. Gerade erst hat der WDR Schelte abbekommen für sein neues Angebot www.liebesalarm.de, das nach Ansicht der privaten Konkurrenten so gar nichts mit dem eigentlichen Programmauftrag des Senders zu tun hat.

Um also den Mut zum Neuen erkennen zu können, muss man sich schon die „Stauffenberg“-Seite selbst ansehen. Und bei der hat man anfangs das Gefühl, man müsse erst einmal nach der Gebrauchsanweisung Ausschau halten. Alles steht hier mit allem in Verbindung: Das Gestern mit dem Heute, die Ereignisse mit den Personen, der Film mit dem historischen Hintergrund. Alles ist irgendwie klickbar. Wie man auf einer so beschränkten Fläche so viele Navigationselemente unterbringen kann, ist tatsächlich eine Kunst. „Wer sagt denn, dass es immer nur eine Haupt- und eine Subnavigation geben darf? Davon steht nichts in Stein gemeißelt“, ärgert sich Gunnar Krüger, der die Konzeption der „Stauffenberg“- Seite ausgearbeitet hat, über manch festgefahrende Vorstellung, wie eine Internet-Seite zu funktionieren hat. Tatsächlich verbirgt sich hinter der anfänglichen Komplexität genau der Mut, das Internet immer wieder neu zu erfinden, der die ehemalige Journalisten Sabine Fischer 1995 zum Internet-Dienstleister Pixelpark geführt hatte. Auch wenn ihr damaliges Projekt „Wildpark“ – hochangesehen, aber kaum zu finanzieren – nach nur zwei Jahren wieder eingestellt wurde (unter www.wildpark.com immer noch nachzulesen), so war es schon damals die unkonventionelle Verknüpfung der Inhalte mit dem neuen Medium, die Aufsehen und Annerkennung erregte.

Das „Netz nicht nur zu bedienen, sondern zu prägen“, dieses Ziel ist geblieben, auch wenn dieser exklusive Anspruch eher selten durchgehalten werden kann. „Alle zwei bis drei Jahre ergibt sich die Möglichkeit, etwas zu machen, was wirklich den üblichen Rahmen sprengt“, sagt Krüger, der inzwischen für die Agentur Terra Incognita arbeitet.

„Bei ,Stauffenberg’ hatten wir jedoch noch einen anderen Vorteil. Das Projekt musste in dreieinhalb Wochen stehen. Trotz aller notwendigen Absprachen bestand also keine Zeit, etwas zu zerreden“, beschreibt Sabine Fischer die Enstehung der preisgekrönten Webseite. Dafür nötig: elf Leute, die sich sofort auf die Aufgabe stürzen konnten. Und die tatkräftige Unterstützung der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ mit ihrem Sitz im Berliner Bendlerblock. Ohne deren Bildmaterial wäre aus dem Projekt tatsächlich nur jene programmbegleitende Funktion zum Film von Jo Baier geblieben, mit den üblichen Informationen zum Film, zum Regisseur und zu den Schauspielern rund um Stauffenberg-Darsteller Sebastian Koch. So aber konnte das Angebot mehr als verdoppelt werden. Einerseits „Der Film“, andererseits der „Historische Hintergrund“. Dass dies mehr sein könnte, als mancher haben mag, glaubt Sabine Fischer nicht: „Wenn etwas anspruchsvoll und ansprechend gemacht wird, entsteht automatisch der Anreiz, mehr zu lesen.“

Stauffenberg im Internet:

www.swr.de/stauffenberg

www.20-juli-44.de

www.gdw-berlin.de

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